Gefahren und geschrieben von Ralf Mehr - ralf.mehr(at)freenet.de

Tag Fahrziel km Stunden Höhen-   Pässe
      im Sattel meter    
         
29.06. Marxgrün 80 03:44 1.304    
30.06. Regensburg 209 08:04 1.970    
01.07. Oberwössen 208 07:49 1.321    
02.07. Heiligenbluth 134 06:30 2.651   Hochfilzen, Großglockner
03.07. St. Kassiari 148 06:37 2.739   Isensberg,Tre Croci, Falzarego, Valparola
04.07. Merano 111 04:11 952   Grödnerjoch
05.07. Pratt 53 02:40 762    
06.07. Zernez 110 05:42 3.186   Stilfserjoch, Foscagno, Gallo
07.07. Zernez 35        
08.07. Zernez 215 07:18 3.803   Gallo, Focola, Bernina, Flüela, Albula
09.07. Splügen 100 04:38 1.931   Albula
10.07. Cantalupo 289 10:05 1.661   St.Bernardino
11.07. S.Lorenzo d.M. 168 06:18 1.200    
12.07. Col d´Eze 78 03:32 947   Col d`Eze
13.-17.07. Col d´Eze 291   5.227   Col de Braus, Col d`Eze, Col de Castillon
18.07. Isola 143 06:18 2.638   Col d`Eze u.a
19.07. Briancon 162 08:50 4.330   Col de la Bonette, Col de Vars, Col d`Izoard
20.07. Val d`Isère 163 07:57 3.672   Col du Lautaret, Galibier, Télegraphe, Iseran
21.07. Sion 203 08:16 3.135   Col du Petit St. Bernard + Grand St. Bernard
22.07. Trun 187 07:47 2.837   Furka- + Oberalppaß
23.07. Prutz 209 08:46 2.798   Flüela
24.07. Landsberg a.L. 184 07:57 2.537   Hahntennjoch
25.07. Ammendorf (Nürnb.) 211 07:53 1.336    
26.07. Jena 247 08:24 1.680   Rennsteig
             
Gesamt   3.938   54.617    

Freitag, 29. 06.
Gegen 16.00 fahre ich los. Kurz vorher habe ich mir meine ca. 10 kg Gepäck zusammengesucht: Ultraleichtzelt, Sommerschlafsack, Isomatte, T-Shirt usw., Tevas, Zahnbürste usw., Landkarten sowie für Regentage ein Buch, das meiste davon verstaut in einer Vaude-Fahradtasche und einer Lenkertasche. Regenjacke und Gamaschen trage ich am Körper, denn Regen liegt in der Luft wie ich losfahre und auch für die nächsten Tage sind die Wetteraussichten schlecht. Bis auf einige kurze Schauer zwischendurch bleibt es heute jedoch weitgehend trocken. Ich nehme die B88 bis Orlamünde und dann das Orlatal nach Pößneck. Die Landstraße Richtung Ziegenrück führt steil hinaus. Noch bewege ich mich in bekanntem Gelände. Von Ziegenrück geht es weiter nach Lobenstein, auch hier zunächst in einer starken Steigung. Von dort führt eine kleine Straße hinunter ins Saaletal Richtung Harra, Blankenberg, Naila. Hier irgendwo möchte ich für die Nacht bleiben. Auf einem Friedhof fülle ich meine Wasservorräte auf; alter Radfahrertrick: dort gibt es immer einen Wasserhahn, wenn man sonst nichts findet. Wenige Kilometer vor Naila, bei Marxgrün stelle ich in einem Laubwald das Zelt auf. Es ist 20.00.
Heute gefahren: 80,35 km in 3:44 h Sattelzeit mit durchschnittlich 21,4 km/h über 1304 hm.

Samstag, 30.06.
In der Nacht hat es geregnet. Der Tag wird kühl und wechselhaft. Der Wind weht von vorn. Immer wieder gibt es Schauer aber die Laune bleibt gut. Ab und zu schaut die Sonne durch. Regen hält mich nicht von der Weiterfahrt ab. Die Temperatur liegt tagsüber kaum über 17 Grad aber der Regen wird nie so stark, daß man durchweicht. Ich starte um 8.00 und gehe nach einem kurzem Einkaufsstopp in Naila weiter Richtung Helmbrechts und von dort nach Münchberg. Die Strecke durch das Fichtelgebirge ist abwechslungsreich, zum Teil bissig aber das stört nicht. Von Münchberg kommen zügige 30 km auf der B2 bis kurz hinter Bad Berneck. Man kann die auf diesem Stück recht idyllisch angelegte B-Straße bequem fahren, weil die parallel laufende Autobahn den meißten Verkehr aufnimmt. Bayreuth umgehe ich weiträumig, denn schon nach dem Blick auf die Landkarte sieht die Durchfahr nach Ärger und Zeitverlust aus. Hinter Bad Berneck fahre ich also links Richtung Goldkronach und schlängle mich dann auf Nebenstraßen weiter nach Süden durch den Oberpfälzer Wald. Auch hier geht es trotz häufiger Abzweigungen recht zügig und ohne Orientierungsschwierigkeiten vorwärts, denn ich lerne schnell, die Landkarte auch während der Fahrt zu lesen. So finde ich denn meinen Weg durch die teils bewaldete, teils freie Mittelgebirgslandschaft, durchquere Weidenberg, Seybothenreuth, Würnsreuth, Unterölschnitz, Tiefenthal, Neuhof, Preußling, Engelmannsreuth, Thurndorf, Neuzirkendorf und Altzirkendorf und komme schließlich nach Auerbach. Von dort geht es auf der B 85, alternativlos aber ohne Lebensgefahr benutzbar, bis Amberg. Hier beginnt dann die Zielgerade bis Regensburg: eine durchgängige, landschaftlich brauchbare und recht wenig befahrbare Landstraße entlang der Vils, ab Kalmünz entlang der Naab, die dann kurz vor Regensburg in die Donau mündet: etwa 70 km weitgehend gerade Strecke, die ich trotz weiterhin stehendem Gegenwind nach etwas mehr als 2 Stunden erledigt habe. Regensburg erreiche ich gegen 17:40. In der Nachmittagssonne überquere ich die Steinerne Brücke. Der Blick auf Dom und Altstadt ist verlockend. Für die Nacht bleibe ich auf einem Campingplatz am Westrand der Stadt, direkt an der Donau.
Heute gefahren: 209,12 km in 8:04 h Sattelzeit mit durchschnittlich 25,9 km/h über 1970 hm.

Sonntag, 01. 07.
Für heute ist Sonntagswetter angesagt und ich schreibe meinen ursprünglichen Plan, den Tag in Regensburg zu bleiben, in den Wind. Der Vortag hat nicht an den Grenzen genagt und in den Folgetagen soll das Wetter wieder kippen, vertretbar also, heute zu schauen, was geht. Start ist 9.00. Für den weiteren Weg von Regensburg nach Süden sticht zunächst die B 15 Richtung Landshut ins Auge, die ich jedoch versuche, zu meiden. Das erweist sich bei den auf den Fernverkehr ausgerichteten Wegweisungen und dem in die Landschaft gewebten Geflecht aus Umgehungsstraßen mit den üblichen Radwegfragmenten als schwierig aber mit zunehmender Entfernung von der Großstadt wird dann die B 15 zu einem brauchbaren Stück Weg, das ich gern annehme, um zügig voranzukommen. Die ersten 40 km sind geschafft, als ich mich im gebotenen Abstand vor Landshut nach links schlage, um auf Nebenstraßen nach Wörth an der Isar zu gelangen. Der Ort ist leicht zu finden, denn dort steht ein Atomkraftwerk mit einer weit in den blauen Himmel ragenden Wasserdampfsäule. Wenigstens ein Nutzen solcher Anlagen. Von dort geht es dann weiter auf Nebenstraßen und durch hügelige Landschaft nach Vilsbiburg, das ich dann ein kurzes Stück auf der B 299 verlasse. Nach ca 8 km schlage ich mich dann nach rechts Richtung Bodenkirchen und gelange wiederum auf Nebenstraßen und durch hügelige, teils bewaldete Landschaft nach Kraiburg am Inn. Es ist früher Nachmittag. Die Sonne brennt. Die Stiftskirche hier hat einen Friedof und der wiederum einen Wasserhahn. Nach knapp zwei Tagen den Inn zu überqueren, ist ein denkwürdiger Moment: Die Alpen sind nun in greifbarer Nähe. Von dort kommt das kalte, graublaue Wasser dieses reißenden Gebirgsflusses, der mir heute nicht zum letztenmal begegnen wird. Auf der Landkarte, die ich hier umschlage, wird der Chiemsee sichtbar und ich erkläre ihn zum nächsten Etappenziel für heute. Ein Netz an Nebenstraßen führt dorthin; etwa 40 km hügeliger Landschaft liegen vor mir. Nach kurzer Zeit treffe ich auf einen Radfahrer, der nach Seebruck unterwegs ist und wir schließen uns zusammen. Er kennt den Weg und es geht rasant vorwärts. Von Seebruck fahre ich dann allein mit unvermindertem Tempo weiter entlang des Ostufers und bin schneller als gedacht in Übersee, einem Ort am Südufer. Die ersten Erhebungen der Alpen stehen nun unmittelbar wie eine Wand vor mir. Ein weiteres Zwischenziel ist erreicht und nun heißt es, das Tempo zu drosseln. Der nächste Tag wird mir die ersten großen Steigungen bescheren, für die ich die Kraft noch brauche. Ich fahre bis Grassau und gehe dort auf die B305, die sich hier beginnt, in die ersten Gebirgsschluchten hineinzuschlängeln. Ein warmer Wind treibt mich voran. Dazu kommt der Blick auf die Berge in der warmen Nachmittagssonne und der Gedanke an die nächsten Tage und Wochen auf bizarren Gebirgsstrecken, die es mir schwer machen, für heute ein Ende zu finden. Es kostet einige Überwindung, kurz vor Oberwössen links zu dem Campingklatz hinabzufahren, aber die Wahl war gut. Es ist inzwischen 18.40 und der Platz liegt direkt am Gebirgsbach.
Heute gefahren: 208 km in 7:49 h Sattelzeit mit durchschnittlich 26,6 km/h über 1321 hm.

Montag, 02. 07.
In der Nacht hat es geregnet, die Luft ist mild und klar. Sie duftet nach wiedererwachter Natur. Start ist 8.15 Uhr. Kurz nach Reit im Winkel beginnt Österreich. Das erste Etappenziel ist St. Johann, das ich im beginnenden Nieselregen erreiche. An die Gegend kann ich mich gut erinnern, weil ich hier, ebenso im Regen, im Jahr zuvor den letzten Tag der Tour aus Korsika verbracht hatte. Moralisch war ich damals am Ende: eine Woche Regen, Schnee und Kälte in den Bergen waren zuviel. Doch obwohl es heute nicht anders ausieht, ist es nun genau dieses Abenteuer, das mich fasziniert. Kurz nach St. Johann sitze ich etwa eine halbe Stunde in einem Bushäuschen aus, weil der Regen recht stark wird aber es geht weiter und obwohl es in Folge immer wieder Schauer gibt, dringt das Wasser nicht bis zu mir durch. Dazu ist die Laune zu gut. Von St. Johann steigt die Straße sanft über knapp 20 km bis nach Hochfilzen auf 959 m und fällt von dort ebenso sanft ab nach Saalfelden. Von hier geht es dann auf der recht unangenehm befahrbaren B303 Richtung Zell am See, jedoch schlage ich mich bereits am Nordufer des Zeller Sees nach links auf eine Nebenstraße, um den See am Ostufer zu umfahren. Das Wetter hat sich inzwischen stabilisiert und durch eine hochliegende dünne Wolkendecke strahlt sommerliche Wärme. Es ist kurz vor 12.00 und ich habe mich entschlossen, heute noch in den Großglockner hineinzugehen. In Thumersbach am See besorge ich mir kurz vor Ladenschluß den dazu nötigen Proviant: eine Doppelkeksrolle. Eine solche hat an den vorangegangenen beiden Tagen nach jeweils kräftigem Frühstück für die gesamte Tagestour gereicht, also reicht sie auch nun. Den Großglockner fahre ich heute zum zweitenmal von der Nordseite. Ich habe ihn nicht nur von der Steigung, sondern auch vom Klima her als recht rauh in Erinnerung. Auf der Paßhöhe sind auch in den Sommermonaten größere Neuschneemengen nicht unüblich. Heute ist es mal wieder die Steilheit, die mich trotz sehr guter Verfassung nicht so recht meinen Rhythmus finden läßt. Ich kann mich schwer entscheiden, ob ich im Sattel bleibe oder rausgehe, habe aber auch nicht die Ruhe, vom Tempo her einen Gang zurückzuschalten. Das Risiko, heute leerzulaufen, schätze ich als gering und so beiße ich mich in die immer karger, immer hochgebirgiger und rauher werdende Landschaft. Auf den letzten Kilometern bis hinauf zur ersten Paßhöhe werde ich zunehmend von Nebelfeldern begleitet. Das Hochgebirge empfängt mich mit rauher Schönheit, die auch nicht von dem einsetzenden leichten Regen verdorben wird. Der Nebel öffnet und schließt Sichtachsen auf die gegenüberliegenden Steilhänge und läßt tief unten mal gößere, mal kleinere Ausschnitte aus dem Serpentinenband erkennen. Ich verweile wohl eine halbe Stunde auf dem 2400m hohen Vorpaß und nehme dann nach kurzer Abfahrt hinunter auf 2200m das Hochtor in Angriff. Nacktes Geröll, Schneeflächen und Nebelfetzen säumen den Weg. Kurze Momente durchbrechender Sonnenstrahlen zaubern bizarre Lichtspiele. Es wird wohl in den nächsten Wochen keinen Moment mehr geben, in dem ich das Hochgebirge so intensiv, so jungfräulich erlebe wie jetzt. Die Pause am Hochtor bleibt kurz, auch wenn ich hier noch für Stunden hätte verweilen können. Aber schon wieder deutet sich Regen an. Nach rasanter Abfahrt erreiche ich gegen 16.45 Heiligenbluth. Noch ist es trocken aber plötzlich öffnet der Himmel seine Schleusen. Nach einigem Warten läßt er mir eine kurze Pause, das Zelt aufzubauen. Der Regen dauert die ganze Nacht an. 
Heute gefahren: 134 km in 6:30 h Sattelzeit mit durchschnittlich 20,6 km/h über 2651 hm.

Dienstag, 03.07.
Der Tag beginnt sonnig. Start ist 8.10 Uhr. Von Heiligenbluth (1200m) ist die weitere Abfahrt zunächst steil und läuft dann entlang der Möll sanft hinunter nach Winklern (700m), wo ein kurzer Aufstieg hinauf zum Isensberg (1200m) beginnt. Von dort läuft die Straße denn recht steil und in langgezogenen Kehren hinunter nach Lienz, das ich ohne Pause durchquere und sofort auf die B 100 Richtung Silian-Toblach gehe. Das Stück ist unangenehm weil stark befahren. In den etwa 50 km bis Toblach liegen etwa 600 Höhenmeter, die sich ab etwa der Hälfte der Strecke in längeren Abschnitten mit 3-5% Steigung bemerkbar machen. Ich bin froh, daß mich kurz hinter Lienz ein Radfahrer überholt, an den ich mich hinten ranhängen kann. So läßt sich das gammelige Stück schneller erledigen. Er geht gut in die Pedalen und in der geringen Steigung von 1-2% kann ich mit den satten 30km/h, die er vorlegt, im Windschatten noch mithalten. Dann wird es aber zusehends steiler und ich bekomme Schwierigkeiten. Wenn es mit dem Tempo weitergeht, bin ich bald hohl. Wir machen kurz vor Silian eine Pause, in der ich endlich dazukomme, etwas einzuwerfen, aber es ist zu spät. Ich bin zu weit gegangen und komme für den Rest des Tages aus dem Leistungstief nicht mehr heraus. Es ist gerade Mittag. Das Wetter sieht passabel aus und soll in den Folgetagen wieder schlechter werden. Das wird noch ausreichend Gelegenheit für Erholungspausen geben. Also fahre ich es mit halber Kraft weiter. In Toblach geht es links ab, wieder geradewegs nach Süden, in die Dolomiten. Die Straße zieht sich hier in einem leichten Anstieg ein Flußtal hinauf bis zu einem kleinen Stausee, dem Lago di Landro. Hier mache ich eine ausgiebige Pause, esse reichlich und lege mich für eine Stunde in die Sonne. Die Erholung ist merklich aber nicht stabil. Kurz hinter dem See teilt sich die Straße. Beide Wege führen nach Cortina Anpezo, ich nehme den linken, die gebirgigere Variante, die über den Passo Tre Croci (1809m) führt, jedoch bereits vorher, am Lago di Misurina, eine etwas kleinere Paßhöhe überwindet und damit trotz vergleichbarer Länge deutlich zeit- und energieintensiver ist. Da ich den anderen Weg aber bereits mehrfach gefahren bin, habe ich mich heute für das anspruchsvollere und landschaftlich schönere Stück entschlossen. Vom Passo Tre Croci geht es dann steil hinunter nach Cortina und hier schließt sich dann auf 1200 m direkt der Anstieg zum Passo di Falzarego (2100m) an. Noch lautet die Planung, danach noch den Passo Pordoi (2239m) zu nehmen und nach dessen Abfahrt in Canazei zu bleiben, wo es einen Campingplatz gibt. Zeitlich wäre das machbar: Von Cortina sind es bis hinauf zum Falzarego etwa 15 km und dann nach der Abfahrt auf etwa 1200m noch einmal etwa ebensoviel bis auf den Pordoi, also insgesamt noch etwa 30km Steigung mit 2000 Höhenmetern und zusammen etwa 15 km Abfahrt, was unter normalen Umständen in etwa dreieinhalb Stunden zu machen sein dürfte. Daß das für heute zuviel ist merke ich dann aber in der Rampe zum Falzarego. So ungefähr muß sich ein mit Waschbenzin betanktes Auto fühlen. Auf der Paßhöhe bin ich leer und spüre leichtes Frösteln. Ein Weiterfahren ist nun sinnlos. Es gibt hier keine warme Sonne zum Ausruhen und selbst wenn, hätte das keinerlei Substanz. Vom Falzarego gibt es einen kurzen weiteren Anstieg hinauf zum Passo die Valparola auf 2197m. Hier oben gibt es nur bizarres Geröll und ein Weltkriegsmuseum. Die Straße führt dann weiter Richtung Grödnerjoch, zunächst jedoch kommt eine lange, von Wintersportorten gesäumte Abfahrt, wo es nach etwa 7 km hinter der Paßhöhe einen Campingplatz gibt. Es ist 16.30 Uhr.
Heute gefahren: 147,55 km in 6:37 h Sattelzeit mit durchschnittlich 22,2 km/h über 2739 hm.

Mittwoch, 04.07.
In den frühen Morgenstunden beginnt ergiebiger Dauerregen. Es ist die angekündigte Kaltfront und nach meinen bisherigen Erfahrungen wird es jetzt etwa 7-8h durchgängig regnen. Kein Grund, sich damit verrückt zu machen. Ich nehme mir die verdiente Ruhepause und vertiefe mich in meinen Roman (Lautlos von Frank Schätzing). Mag der Tag bringen was er will. Der Platz, auf dem mein Zelt steht, ist geschottert. In Italien erlebt man es oft, daß Campingplätze geschottert sind. So versinkt an Tagen wie heute niemand im Schlamm. Schon bald läuft das Wasser nicht mehr ab. Ich stehe in einem See und sehe, daß der Zelthersteller nicht zu Unrecht die Wasserdichtigkeit verspricht. Unangenehm ist nur, daß mit der Zeit jede Bewegung anfängt zu plätschern. Von unten wird es kalt. Die dünne Isomatte bekommt das auch zusammen mit dem Schlafsack nicht mehr weggedämmt, aber noch kann ich nachlegen. Lange Radhose und Vliesjacke halten mich warm. Im Zelt bleibt es trocken und so verbringe ich in aller Ruhe den Vormittag. Kurz vor Mittag hört der Regen auf. Sonnenstrahlen beginnen, durch die dünn geregneten Wolken hindurchzubrechen. Gegen 12.00 Uhr fahre ich los. Die Gegend, die ich nun durchquere ist reizlos. Einfallslos in die Landschaft gekrümelte Wintersportorte vermögen nebst den zahlreich an die Berge geschraubten Skiliftanlagen allein ein Bild von billigem Diskounttourismus zu vermitteln. In einem dieser Orte, er heißt Pescosta, beginnt der Anstieg zum Grödnerjoch. Die Sonne gewinnt nun an Boden aber die Luft bleibt kühl. Sie steht und scheint die grauen, an den Bergen liegenden Wolkenfetzen festzuzementieren. Oben am Grödnerjoch schiebt sich in diesem Moment gerade bleischwer von Westen her eine Schneewolke gegen den Berg. In diesem Moment weiß ich von ihr noch nichts und es wird auch noch eine Zeit dauern, bis sie sich dort ausreichend angestaut hat, um über den Paß hinüberzuquellen. Also fahre ich weiter. Wenige Kilometer vor der Höhe wird es dann unangenehm. Was sich dort anschickt, hinüberzurollen, baut sich zunächst als dunkle Wand immer höher auf und sendet dann graue Schwaden aus, um zunächst die Sonne zu verdecken. Dann beginnt es, kleine Staffeln an Niederschlagszellen abzusondern, die sich ins Tal hinab bewegen und in ihrem Schlepp dann einen durchgängigen Schleier Schneeregen nach sich ziehen. In diesem Moment habe ich noch etwa 2 km bis zur Paßhöhe zu fahren. Mit voller Kraft bewege ich mich gegen den zu Tal fließenden bleiernen Schleier aus Kälte und halb gefrorener Feuchtigkeit. Ich bin genügend ausgeruht. Es geht vorwärts und etwas gibt mir die Gewißheit, daß oben eine Wirtschaft steht, in der ich die Front aussitzen und mich aufwärmen kann. Die Hoffnung behält Recht und noch nicht kritisch durchnäßt verbringe ich hier, nach Ankunft gegen 15.00 Uhr, etwa eine Stunde bei warmem Apfelstrudel und Schokolade. Langsam klart es auf aber mit 3 Grad bleibt es kalt, zu kalt für eine Abfahrt, an der man Freude hat. Mit Gamaschen, langer Radhose zwei Windjacken und zusammengebissenen Zähnen gehe ich es an. Anspannung und Entschlossenheit produzieren innerliche Wärme, die gar nicht da sein dürfte und so habe ich während der Abfahrt sogar Zeit und Muße, die bis auf etwa 2000m hinab mit Neuschnee bepuderten Berge anzuschauen und zu fotografieren. Im Grödnertal wird es zusehends wärmer; die Strecke fällt zum Teil rasant ab und erfordert alle Konzentration. Gegen 17.00 erreiche ich Bozen. Hier herrschen milde 16 Grad. Den einsetzenden Regen empfinde ich als warme Dusche. Weiter geht es nach kurzem Verweilen Richtung Meran, die letzten 30 km für heute. Ich nehme die parallel zur Autobahn auf der östlichen Flußseite laufende Straße über Terlano, die recht angenehm zu fahren ist. Trotz des schlechten Wetters ist das südländische Flair unübersehbar. Man mag meinen, daß es von sich aus Wärme ausstrahlt. Bereits kurz hinter Bozen hört der Regen auf und alsbald bricht die Nachmittagssonne durch. Meran erreiche ich um 18.30 und gehe dort auf den Campingplatz. Die Lokalzeitung kündigt für die nächsten Tage Wetterbesserung an. Morgen möchte ich zunächst für den Vormittag in Meran bleiben und nachmittags nach Pratt am Stilfserjoch, etwa 50 km, fahren.
Heute gefahren: 110,64 km in 4:11 h Sattelzeit mit durchschnittlich 26,4 km/h über 962 hm.

Donnerstag, 05.07.
Die Luft ist frisch, zu frisch für das sonst sehr mediteran wirkende Städtchen mit seinen Palmenalleen. Bis zum Stadtzentrum dürfte es nicht mehr als ein Kilometer sein, den ich nun langsam vor mich hinschlurfe. Die in der Höhe über der Stadt verlaufenden Promenadenwege haben den Charme der Belle Epoque, während das kleine Gassengewirr unten um den alten Altstadtkern anziehend museal wirkt. Der Vormittag läßt sich hier bequem verbringen und ich komme auch dazu, mir die kleine mittelalterliche Burg direkt neben der Altstadt anzuschauen. Kurz vor Mittag trödel ich dann zum Campingplatz zurück, packe meine Sachen und fahre gegen 12.00 Uhr los. Die vor mir liegenden 50 km bis Pratt werden unangenehm. Die Straße Richtung Reschenpaß ist schmal und bis zum Anschlag mit Schwerlastverkehr befahren. Parallel auf der anderen Seite der Etsch führt teils unten am Fluß, teils bis weit in die mit Apfelplantagen bepflanzten Berghänge hinein, der Radweg, für den man sich aber Zeit nehmen muß. Er führt durch liebevoll wiederhergestellte alte Dorfkerne, vorbei an alten Burgen und eröffnet reizvolle Landschaftserlebnisse. Er enthält kurze, nur mit Schotter befestigte Passagen, ist aber ansonsten vom Untergrund her recht gut zu fahren. Ab und zu führt er nach den Orten in steilen Stichstraßen hinauf in die Obsthänge und dann ebenso steil wieder hinunter. Es bleibt mir heute nichts anderes, als mich darauf einzulassen. Es soll ohnehin kein Tempotag werden. Zunächst geht es auf der stark befahrenen Hauptstraße in einer langgezogenen Steigung von etwa 5% hinaus aus der Stadt. Oben trifft die Schnellstraße mit dem Radweg zusammen. Ob und wo er unten in der Stadt beginnt, habe ich noch nicht herausgefunden, obwohl ich heute die Strecke zum zigstenmal fahre. Hier gehe ich auf den Radweg, der zunächst direkt am Fluß entlangführt und zügig zu befahren ist. Jedoch baut sich gerade ein strammer Gegenwind auf. Bei sommerlicher Wetterlage weht in den Bergen der Wind tagsüber immer talaufwärts, ein durch die Thermik an den Berghängen verursachter Sog. Daß es heute nachmittag andersherum ist, zeigt, daß die angekündigte Wetterberuhigung noch aussteht. Irgendetwas brodelt hier noch in den Bergen, über das auch der Sonnenschein und die sommerliche Temperatur nicht hinwegtäuschen können. Die heutige, von der Entfernung so unscheinbare Passage bis Pratt erweist sich bald als extrem bissig. Gegen 14.40, als der vom Reschenpaß hinunterfließende Luftstrom beginnt, kleine Schauerzellen mit sich zu ziehen, erreiche ich Pratt. Für den Rest des Tages jedoch bleibt es trocken. Mein Zeltnachbar ist mit dem Mountainbike unterwegs und kann ebensowenig wie ich von den Bergen lassen. Dabei leistet er sich unglaublichen Luxus, den man daran erkennt, daß das Zelt etwa dreimalsogroß ist wie meins. Er verfügt über ein ausgeklügeltes Ensemble an Werkzeugen und Ausrüstungsgegenständen. Das ist eindrucksvoll, sind es doch bei mir im Gegenteil zum Großteil allein die Hoffnung und die Hand Gottes, auf die ich jeden Morgen erneut vertrauen muß, um den Tag ohne Unbill zu überstehen.
Heute gefahren: 53,41 km in 2:40 h Sattelzeit mit durchschnittlich 19,9 km/h über 762 hm.

Freitag, 06.07.
Heute kommt eine Königsetappe. Pratt liegt auf etwa 900m. Von hier geht es über 25km hinauf zum Stilfserjoch auf 2757m. Ich liebe diese Paßauffahrt. Heute gehe ich sie zum insgesamt fünften Mal an und werde dabei zum erstenmal schlechtes Wetter haben. Ich starte um 8.10. Es ist noch kühl. An den Bergen hängen einige hochliegende graue Wolken. Die Sonne schickt sich an, das Tal in Besitz zu nehmen. Ich gehe den Anstieg als sportliche Etappe an, was ich auch die letzten Jahre immer wieder getan habe. Die Möglichkeit, hier am Morgen ausgeruht in einen der anspruchsvollsten und nach meinen Begriffen schönsten Alpenpässe zu starten, hat einmal die Verlockung geschaffen, der ich auch heute nicht widerstehen kann. Ich werde die Strecke ohne Pause fahren und erst oben etwas essen. Dazu habe ich reichlich gefrühstückt, nämlich genau soviele Brötchen, wie man für ein 200g-Glas Nutella braucht. Die Straße verläuft zunächst weitgehend gerade entlang eines Gebirgsbaches. Die ersten der insgesamt knapp 50 Kehren liegen zuerst in recht großem Abstand zueinander, aber auf halbem Weg, etwa ab Tafoi, beginnt sich die Straße in einer endlosen Serpentinenserie hinaufzuschlängeln. Die meißte Zeit steigt sie mit bequemen 5-7% und nur auf kurzen Stücken geht es mal auf oder über 10%. Man findet also gut seinen Rhythmus. Die zahllosen  Serpentinen in der zweiten Hälfte machen die Auffahrt zum Genuß. Von der Südseite drückt heute eine Wolkenmasse gegen den Paß, die immer kurze und leichte Schauer über mich hinwegschickt, dazwischen aber auch die Sonne hindurchkommen läßt. In diesem Wechselspiel bewege ich mich bei rasch sinkender Temperatur dem Etappenziel entgegen, das ich dann um 9.20 nach rekordverdächtigen 2:18 h erreiche. Damit bleibe ich 7 min unter der Zeit vom Vorjahr. Oben sitzt der Nieselregen fest. Es ist 4 Grad kalt. Ich muß eine Pause machen um etwas zu essen, wenn ich nicht nach der Abfahrt, am nächsten für heute geplanten Paß, dem Passo Foscagno, krachen möchte. Andererseits möchte ich nicht auskühlen. Bei der Temperatur wird die Abfahrt zumindest im oberen Bereich nicht genießbar sein. Ich muß hier weg, und zwar schnellstmöglich. Bis zum Abzweig Umbrail-Pass bremse ich mich mit klammen Händen die feuchten und kalten Serpentinen auf 2500m hinunter. Dann kommt eine langgezogene, kurvenlose Passage mit ca.7% Gefälle. Mehr als 80 km/h erreiche ich hier nicht aber das ist ausreichend, um schnell die Hochgebirgskälte hinter mich zu bringen. Bald schließt sich eine Treppe aus vier oder fünf schwungvollen Serpentinen an, die in einen schluchtartigen Talabschnitt hineinmünden. Die Straße führt hier, geklebt an den rechten Rand der Richtung Bormio hinunterlaufenden Schlucht, rasant talabwärts. Landschaftlich ist der Abschnitt grandios aber er erfordert volle Konzentration. Seine Tücke liegt neben der Ablenkung in den immer wieder kurvenlosen Abschnitten, die zu hoher Geschwindigkeit anstacheln und dann in enge, unbeleuchtete, tropfende Tunnels münden. Schnell wird es wärmer. Nach etwa 30min stehe ich auf etwa 1300m kurz vor Bormio am Abzweig, der links zum Foscagno hinaufführt. Es hat nun 16 Grad und die Sonne drängt durch eine hochliegende, dünne Wolkendecke, die stellenweise den Blick auf den blauen Himmel freigibt. Schnell wird es jetzt, am fortgeschrittenen Vormittag, wärmer und befreit von den Regensachen gehe ich nun mit guter Laune in den nächsten Anstieg. Der Foscagno (2291m) empfängt mich mit einem Regenschauer, dem ich nach kurzem Verweilen weiter Richtung Livigno davonfahre. Es geht zunächst rasant wieder auf etwa 2000m hinab, wo sich unmittelbar der Anstieg zum Passo d`Eira (2209m) anschließt. Die Gegend hier ist eine Zolloase. Sie beginnt auf dem Foscagno, wo sich eine Zollstation befindet. Ihr Zentrum ist das Tal von Livigno, ein Hochtal, das man daneben noch von Süden her über den Focola di Livigno oder von der Schweiz her durch einen Tunnel betreten kann. Der einzige Wirtschaftszweig in diesem Tal ist der Handel mit Spirituosen, Parfüms und Taback. Die Straße ist auch in den höheren Lagen am Passo d´Eira, vor allem aber unten in Livigno gesäumt von kleinen Lädchen, die immer samstags ganze Blechlawinen von Einkaufstouristen anziehen. Samstags ist die Gegend daher mit dem Rad kaum befahrbar. Vom Passo d`Eira geht es hinunter nach Livigno. Der Regen scheint oben am Foscagno hängen geblieben zu sein. Von Livigno fahre ich dann am Stausee entlang Richtung Schweiz. Von hinten kommen zwei laut schwatzende, buntgekleidete italienische Radfahrer, an die ich mich für das längliche und gerade Stück am Westufer des Stausees enlang hinten anhänge. Sie lassen mich gewähren. Der Tunnel hinüber in die Schweiz hat einen gewissen Spaßfaktor. Er ist schmal und nur einseitig befahrbar aber gut beleuchtet und belüftet und vom Untergrund her top. Er ist etwa 3 km lang, und fällt mit etwa 2% ab. Fahrtwind verspürt man auch bei hoher Geschwindigkeit kaum. Auf der anderen Seite stößt man auf die Schweizer Nationalstraße, die von Zernez über den Ofenpaß hinab ins Vinschgau führt. Ich halte mich jedoch links Richtung Zernez. Ein kleiner Zwischenpaß, der nocheinmal knapp 200 Höhenmeter überwindet, ist noch zu bewältigen. Zernez erreiche ich gegen 14.00.
Heute gefahren: 110,27 km in 5:42 h Sattelzeit mit durchschnittlich 19,3 km/h über 3186 hm.

Samstag, 07.07.
Heute ist Ruhetag, übermorgen Engadiner Radmarathon. Die Luft ist klar und erwärmt sich schnell. Der Morgen geht schnell dahin. Mit der Wochenendausgabe der NZZ kann man in der Sonne sitzend oder liegend einige Zeit verbringen. Die Fahrradkette müßte für morgen gereinigt und geölt, die Reifen etwas aufgepumpt werden, aber ich habe dazu keine Lust. Nach und nach schlagen weitere Marathonis ihr Lager um mich herum auf. Sie verbreiten Geschäftigkeit. Liebevoll werden die mitgebrachten Räder zusammengesetzt, geputzt, Speichen nachgespannt, Bremsen und Schaltungen nachjustiert. Mich steckt das nicht an. Ich werde morgen mit schmutzigem und unjustiertem, allenfalls geöltem Rad an den Start gehen. Es gibt auch keinen Plan, an welcher Stelle und bei welcher Steigung ich mit welcher Übersetzung, Tritt- und Herzfrequenz und Geschwindigkeit fahre und wieviele Kalorien, Wasser und Sauerstoff ich dabei brauche. Ich weiß nichteinmal, wie schwer mein Rad ist und wieviele Zähne die einzelnen Kettenblätter haben. Ich werde morgen ordentlich frühstücken und als Verpflegung eine Doppelkeksrolle und zwei Flaschen Wasser mitnehmen. Es gleicht schon einer Komödie, was im Hobbyrennsport so alles veranstaltet wird. Die 300 Gramm, die mein Rad morgen dadurch schwerer sein wird, daß ich die Steckschutzbleche und den Gepäckträger nicht abmontiere, sind mir egal. Andere erlitten wahrscheinlich einen Herzinfarkt. Die Laune verdirbt es mir nicht. Morgen steht ein schönes Rennen an, das jeder auf seine Art meistert. Der eine mit einer Überdosis Verstand, der andere mit Zuversicht. Noch aber ist es nicht soweit. Ich nehme mein Rad und mische mich in das bunte Treiben draußen auf der Straße. Die Luft ist kristallklar und warm. Das Engadin zeigt sich heute von seiner schönsten Seite. Mich zieht es zum Fluß. Der Inn ist hier jung und reißend, sein in der Sommersonne funkelndes Türkisblau unbeschreiblich. Ich folge ihm auf der Nationalstraße hinab nach Susch. Auch morgen wird es hier entlang gehen. Das Rennen wird aus Richtung St Moritz am Inn hinunterkommend nach etwa 90 km Zernez passieren und dann in Susch links zum Flüelapaß hinaufführen. Susch ist mit seinem alten Dorfkern, der wuchtigen Kirche und der Hausbrücke sehr pittoresk. Nach kurzem Verweilen kehre ich um, fahre durch Zernez hindurch weiter den Fluß hinauf bis Brail. Dort ist die Straße zum Teil recht steil und kurvenreich. Das Tal steigt hier am Übergang zwischen Unter- und Oberengadin wie in einer riesigen Treppenstufe. Im Oberengadin herrscht die Besonderheit, daß auch an warmen Sommertagen der Wind das Inntal hinunterweht. Die morgen hier hinabführenden 25 km von Samedan bis Zernez und dann nocheinmal im Endspurt von La Punt, der Talstation des Albulapaß bis zum Ziel nach Zernez werden also mit Rückenwind verlaufen. Wenn man dem Inn hier weiter Richtung Südwesten bis zu seiner Quelle, den Silvaplaner Seen folgt, ist man zugleich am Malojapaß auf etwa 1800m Höhe. Dort fallen die Alpen steil Richtung Süden zum Comer See ab. Der hier bei Sonnenschein Richtung Malojapaß hinaufjagende thermische Wind setzt sich im Oberengadin das Inntal hinab bis nach Zernez fort. Heute teste ich diesen Wind, indem ich mich von Brail zurück nach Zernez rollen lasse. In Zernez macht das Inntal einen Knick nach links und läuft von dort gerade nach Norden weiter. Nach Osten hin öffnet sich hier ein weiteres kleines Flußtal, dem die Straße in Richtung Ofenpaß folgt. Von dort bin ich gestern gekommen und dorthinein wird morgen früh das Rennen starten. Der taleinwärts gerichtete Wind aus dem Oberengadin setzt kurz vor dem Ortseingangsschild von Zernez plötzlich aus. Es ist kaum zu glauben, aber wenn man hier runterfährt, wechselt der Wind innerhalb weniger Meter von Rücken in Gegenwind. Ich merke mir die Stelle und werde sie auch am Folgetag während des Rennens genauso wiedererleben. Inzwischen ist es Mittag. Ich setze mich in den Schatten vor das Zelt und beginne über dem Feuletton der NZZ eine kleine Wassermelone auszulöffeln. Eine nette Nachbarin bringt mir Spagetti mit Gemüsepfanne und griechischem Salat. Ich werde mich später mit einer Flasche Wein revanchieren. Kurz darauf trudelt Andreas ein, der nette Mountainbikefahrer mit der perfeken Ausrüstung, den ich vor zwei Tagen in Pratt getroffen hatte. Wir hatten uns quasi hier verabredet, weil wir in dieselbe Richtung unterwegs waren. Ich finde auch das sehr nett und so sind wir bis morgen wieder Nachbarn. Wir setzen nun die in Pratt begonnenen philosophischen Gespräche fort. Dann gehe ich los, um für morgen die Startunterlagen zu holen. Hier muß ich sehr schmunzeln über einen Geiz, wie er wohl einzigartig für die Schweiz ist: In der Tüte mit den Startunterlagen befinden sich unter anderem Sicherheitsnadeln, mit denen die Startnummer auf dem Trikot befestigt werden soll. Sie sind abgezählt und es sind genau zwei. Die Startnummer aber hat vier Ecken und so begebe ich mich auf die Suche nach zwei weiteren Nadeln. Üblicherweise steht bei solchen Veranstaltungen irgendwo eine kleine Kiste, wo man sie sich herausnehmen kann, nicht so aber in der Schweiz. Ich frage also die Mädels, die die Startunterlagen herausgeben und bringe damit den gesamten Ablauf durcheinander. So bekomme ich drei weitere Nadeln, die ich auch heute noch habe. Dann gehe ich zur Pastaparty. In den Startunterlagen ist ein Gutschein für eine Portion. Es gibt auch wirklich nur eine Portion. Der Abend am Zelt klingt dann nett aus. Ich leiste mir eine Flasche Wein, damit ich gut schlafen kann.
Heute gefahrene km: 35.

Sonntag, 08.07.
Der Start findet heute um 7.00 Uhr statt. Da ich vorher viel essen muß, stehe ich rechtzeitig auf. Draußen steht die Sonne noch hinter den Bergen und es hat 7 Grad. Mein Frühstück sind 400g Nutella und die dazu erforderliche Menge Baguette. Das Glas habe ich in der Nacht im Schlafsack gehabt, damit man das Zeug jetzt auch schmieren kann. Alles ist soweit startklar. Am Vortag hatte ich es noch geschafft, die Kette zu reinigen und zu ölen und mit Andreas Werkzeug war es gelungen, den Zeitnahmechip, einen mit aktivem Sender, mittels Kabelbindern am Lenker festzumachen. Die Doppelkeksrolle habe ich oben aufgeschnitten und die Wellpappe herausgezogen. So stelle ich sie dann aufrecht in die Rückentasche vom Trikot. Daneben haben dann noch zwei Riegel und zwei Tuben Gel Platz, die in der Tüte bei den Startunterlagen waren und nun als Notverpflegung mit auf die Reise gehen. Dann nehme ich noch mein rotes Portemomnnaie mit dem Schweizer Kreuz darauf mit, einen Ersatzschlauch und drei Reifenheber, das Schweizer Taschenmesser sowie zwei gefüllte Trinkflaschen. Im letzten Moment entscheide ich mich gegen die Jacke. Es ist zwar kalt, aber das Rennen beginnt mit einem Anstieg Richtung Ofenpaß, auf dem es schnell warm werden dürfte. Die erste größere Abfahrt würde vom Focola di Livigno nach etwa 40 km, also schätzungsweise ab ca. 8.30 stattfinden und bis dahin dürfte es warm genug sein. Auch wenn ich kein „Planer“ bin, bin ich die Strecke vorher grob durchgegangen. Ein Topergebnis habe ich mir nicht vorgenommen aber etwas mehr, als nur dabeigewesen zu sein, sollte schon herauskommen. Im Startbereich würde dafür wenig zu machen sein, denn die etwa 1500 Starter waren je nach ihren Ergebnissen bei bisherigen Rennen in Blöcke eingeteilt. Da ich nichts vorzuweisen hatte, stand ich ziemlich weit hinten, im Block 3 von 4. Ein Anhängen an die Spitze mußte also von vornherein ausscheiden. Außerhalb der steilen Passagen in den Anstiegen und Abfahrten gibt es aber auf der Strecke viele Abschnitte, in denen es entscheidend sein wird, in einer schnellen Gruppe zu fahren. Das wäre zunächst der Teil beginnend mit dem Tunnel Richtung Livigno nach bereits 10km, wo auf eine Strecke von etwa 20 km bis hinein in den Focola di Livigno bei geringer Steigung in einer gut zusammenspielenden Gruppe scharfes Tempo bei gemäßigter Anstrengung möglich ist. Richtig entscheidend würde dann aber die etwa 50 km lange Abfahrt vom Berninapaß bis Susch sein. Für diese, bei km 48,5 beginnende Passage in eine schnelle Gruppe hineinzukommen, war vom Start an mein Ziel. Etwa beim Berninapaß würde ich dann auch die ersten Kekse essen und mit dem Wasser versuchen bis hinunter nach Susch zu kommen, wo es am Abzweig zum Flüelapaß am Straßenrand einen Brunnen gibt. Startschuß. Die Masse setzt sich zäh in Bewegung und es dauert einige Minuten, bis man halbwegs freie Fahrt hat. Am ersten Anstieg aus Zernez hinaus zieht sich das Feld schnell auseinander. Ich finde meinen Rhythmus und versuche, möglichst viel Boden zu gewinnen, ohne dabei an die Grenze zu gehen. An immer wieder neue locker gefügte Fahrerhaufen arbeite ich mich von hinten heran. Irgendwo da vorne ist der Zug, auf den ich aufspringen möchte. In der ersten kleinen Abfahrt hinunter zum Tunnel Richtung Livigno reißen die Fahrerfelder schnell auseinander. Die meisten fahren hier sehr vorsichtig. Selbst fühle ich mich recht sicher in dem rasanten Tempo, das ich hinunterwärts einschlage und dabei weit schneller bin, als die anderen. Mich wundert das, bin ich doch sonst, wenn ich auf Bergabfahrten unterwegs bin, eher derjenige, der von anderen überholt wird. In den Tunnel hinein, wo die Straße wieder beginnt zu steigen, gehe ich auf äußerste Kraft, weil ich eine Gruppe voraus habe, die zügig zu fahren scheint. Enttäuschend schnell komme ich heran, enttäuschend deshalb, weil sie nun offensichtlich doch nicht so zügig fährt, wie es im ersten Moment schien. Aber hier bleibe ich. Nach dem Tunnel gibt es immer wieder Leute, die versuchen, die Gruppe auf Tempo zu bringen. Zum Teil gelingt das und in der Spitze laufen die Führungswechsel dann auf längeren Streckenabschnitten auch recht gut. Hier mische ich mit so gut ich kann aber die Dynamik bricht immer wieder deshalb zusammen, weil es am Ende immer weniger Leute werden, die sich die Führungsarbeit teilen. Dann bleibt über die folgenden Kilometer erstmal wieder jeder Versuch, durch Vorpreschen einige Leute mitzuziehen unbeantwortet, aber ich glaube, in Livigno hat sich dann doch der schnellere Teil der Gruppe nach vorne abgesetzt. Viel hat es nicht genützt, denn der nun folgende Anstieg in den Focola di Livigno mischt die Karten neu. Die Steigung über die knapp 400 Höhenmeter hinauf zum 2315 hohen Focola ist mit 5-7% auch bei angespanntem Tempo recht gut zu fahren. Das Wetter zeigt sich inzwischen von seiner guten Seite. Der gestern zurückgekehrte Sommer soll sich nach den Prognosen auch heute noch halten, jedoch soll es bereits im Vorfeld der für morgen angekündigten Kaltfront auch schon erste Schauer geben. So wie ich heute in das Rennen gegangen bin, werde ich bei Regen oder Kälte die Veranstaltung abbrechen müssen. Die Hoffnung, daß es dazu nicht kommt, bleibt also bis zum Schluß mein Begleiter. Unbeschwert lasse ich mich in die Abfahrt vom Focola di Livigno hineinrollen und gewinne dabei viel Boden. Serpentinen gibt es hier kaum, die Kurven sind alle einsehbar und dort, wo kein Gegenverkehr herrscht, schneide ich sie. Regelmäßig überschreite ich die 80km/h. Üblicherweise ist das nicht mein Tempo, aber heute ist Radrennen. Auf etwa 2000 Höhenmetern erreicht die Abfahrt einen Talgrund, von wo sie dann eben bis zur Schweizer Zollstation ausläuft, bevor die Straße auf den Anstieg in den Berninapaß trifft. Den Talgrund kann man in der Abfahrt vom Focola schon von weit oben sehen. Die Straße beschreibt hier eine halbkreisförmige Linkskurve, in deren Scheitelpunkt sie mittels einer kleinen Brücke einen sich durch das Geröll ziehenden Graben überwindet. Die Kurve wird durch eine Leitplanke gesichert, die jedoch erst nach einem Drittel beginnt. Ich weiß nicht, wie schnell ich in diese Kurve hineingefahren bin aber wahrscheinlich habe ich vorher abgebremst. Es war aber noch zu schnell, denn ich komme bereits am Kurveneingang immer weiter an den Rand und bekomme den Kurs schließlich nicht mehr korrigiert. Noch bevor die Leitplanke anfängt, fahre ich aus der Kurve raus und bewege mich nun auf geschottertem Untergrund parallel zur Straße jenseits der Leitplanke. Die Kurve habe ich wieder korrigieren können, denn das von der Straße weg ansteigende Gelände wirkt wie eine Steilkurve. Ich bekomme Angst, auf dem Schotter zu stürzen. Die schmalen Reifen und die noch recht hohe Geschwindigkeit machen das sehr wahrscheinlich. Die Bremsen scheine ich in diesem Moment bereits bis zum Anschlag angezogen zu haben, aber kein Reifen blockiert. Ich habe Angst, daß er blockiert, daß er am Geröll aufreißt, daß die Felge zerfetzt wird, daß ich stürze. Das alles dauert sehr lange. Dann sehe ich, wie von links die Leitplanke und von vorne der Graben immer näher kommen. Auf der anderen Seite, der Straßenseite, fährt gerade ein Marathoni vorbei. Im Vorbeifahren erzählt er mir, daß genau dies, was mir jetzt gerade passiert, im letzten Jahr in dieser Kurve auch passiert sei. Eigentlich war der Moment gar nicht so lang, daß er mir dies hätte erzählen können. Aber vielleicht kam er auch erst in dem Moment vorbei, in dem ich bereits zum Stehen gekommen war. Dabei lehnte ich von außen an der Leitplanke. Eine Handbreit vor dem Vorderrad begann der Graben. Das alles ging so schnell, daß ich erst jetzt die Klickpedale lösen konnte. Wäre also hier die Leitplanke nicht gewesen, wäre ich jetzt einfach umgekippt. Für die Verarbeitung dieses Ereignisses ist jetzt keine Zeit. Ich steige ab, hebe das Rad über die Leitplanke, nehme ungläubig zur Kenntnis, daß der Reifen unbeschädigt ist, das Laufrad keinen Schlag bekommen hat und an mir noch alles dran ist und nehme das Rennen wieder auf. Etwa 20 sec. dürfte ich verloren haben. Hinter der Zollstation ist der Anstieg hinauf zum Berninapaß immer wieder gesäumt von applaudierendem Publikum. Viele Teilnehmer haben hier Freunde und Verwandte postiert, die ihnen neue Trinkflaschen, Bananen oder Powerriegel reichen. Oben auf dem Paß ist die zweite Verpflegungsstation, man nennt das hier Labe. Viele machen hier einen kurzen Stopp. Wasser läßt sich auffüllen, es gibt belegte Brote und Obst. Aber für mich habe ich einen Stopp ausgeschlossen. Ich habe die Doppelkeksrolle, an die ich nun plangemäß herangehe und auch der Wasservorrat dürfte noch die reichliche Stunde bis Susch genügen. Die Abfahrt beginne ich allein. Weit und breit ist keine Gruppe zu sehen. Von hinten in eine Gruppe hineinzuspringen, erscheint aussichtslos. Mit hohem Tempo gehe ich in die Abfahrt. Noch ist es steil und kurvenreich. Noch etwa 5 km und ein Team wäre hilfreich, denn den unteren Teil der Berninapaßabfahrt bis zur Einmündung in das Inntal bei Samedan habe ich aus der Vergangenheit als gegenwindig mit recht geringem Gefälle in Erinnerung. Bis dorthin geht es aber zunächst rasant mit gefährlichen Kurven bergein. Hier zeigt sich auch die sehr gute Organisation des Rennens, denn überall an den gefährlichen Stellen stehen Streckenposten mit Fahnen und Pfeifen. Nach dem Rennen müssen sie wohl mindestens genauso platt sein wie die Fahrer. Den ganzen Tag zu pfeifen erfordert wahrscheinlich ebensoviel Atem. Parralel zur Straße läuft hier die Berninabahnstrecke über den Paß. Es dürfte wohl hier die höchste Eisenbahnstrecke Europas sein, technisch eine Meisterleistung. Ab und zu gibt es Bahnübergänge und hier ist es richtig gefährlich. Meine Abfahrt jedoch wird dadurch nicht unterbrochen. Die Bahnschranken sind mir freundlich gesinnt. Im flacheren Teil der Abfahrt schließe ich mich mit einem Österreicher zusammen, was ich an der Trikotaufschrift erkenne. Zum Reden haben wir zuwenig Puste, denn wir versuchen nun zu zweit, das beste aus der Abfahrt hinauszuholen. Ab und zu überholen wir einzelne Radfahrer aber eine Gruppe kommt nicht zustande. Keiner schließt sich an. Irgendwo bei Pontresina werden wir dann durch eine von hinten kommende Gruppe aufgerollt, in die wir uns eingliedern. Wir haben also für umsonst gekämpft. Diese Gruppe nun fährt recht rasant und es gibt immer wieder Situationen, wo sie zu zerreißen droht. Hier ist harte Arbeit gefragt, dranzubleiben. In einer Situation, wo wir von hinten an eine langsamere Gruppe heranrollen, wird es leicht brenzlig, denn plötzlich mußte man sich dort den Weg hindurchbahnen, um nicht den Anschluß zu verlieren. In dieser Tempogruppe bleibe ich dann bis Zernez, wo sie sich auflöst, weil für die meisten hier die Veranstaltung wohl der Endspurt der hier schließenden 97 km Runde war. Nach dieser kleineren Runde waren 1325 der insgesamt auf den 211 km zu überwindenden 3827 Höhenmeter geschafft. Nun ging es in lockerer Formation noch die 7 km hinunter nach Susch, wo der erste richtige Paßanstieg dieses Tages begann: von 1426m hinauf auf den 2383m hohen Flüelapaß. Vorher fülle ich noch schnell wie geplant am Brunnen die Trinkflaschen auf und gehe den Anstieg an. Ein leichter Hänger macht sich bemerkbar. Immer wieder muß ich Fahrer, die von hinten herankommen, vorbeiziehen lassen, aber irgendwie habe ich die Ruhe, mich dadurch nicht aus dem Takt bringen zu lassen. Immer wieder versuche ich, langsam eine Temposteigerung aufzubauen und komme zu recht nachhaltig wirkenden Ergebnissen. Die Rampe ist teils gnadenlos steil mit längeren Passagen, die die 10% überschreiten. Immer wieder kann ich Angriffe fahren, lasse sie dann nach dem inneren Signal des Körpers zusammenbrechen, reduziere eine Zeitlang das Tempo und baue dann, wenn der Körper es erlaubt, die nächste Aktion auf. In diesem Wechselspiel beiße ich mich die knapp 1000 Höhenmeter hinauf. Ich weiß´nicht mehr, wie lange es gedauert hat. Unter normalen Umständen lag bis jetzt mit Gepäck mein Steigungstempo immer bei etwa 700 Höhenmetern pro Stunde; am Stilfserjoch vor drei Tagen hatte ich sogar knapp 800 geschafft. Ich halte es für möglich, daß ich heute die 957 Höhenmeter hinauf zum Flüelapaß unter einer Stunde gefahren bin. Auf der Paßhöhe löst sich das Feld wieder auf. Viele fahren rechts raus zur Labe und so gehe ich allein in die zunächst wieder rasant steile Abfahrt. Ich bremse nur, wenn es absolut notwendig ist und auch hier mache ich wohl einiges an Boden gut. Unten in Davos mache ich vor mir wieder eine Gruppe aus. In der Abfahrt habe ich mich ausreichend regeneriert und setze nun zur Verfolgung an. Wieder einmal enttäuschend schnell bin ich hinten dran. Vielleicht läßt sich hier noch mit einigen Leuten was reißen. Ich rolle also links vorbei, setze mich vorne ran und erhöhe das Tempo wieder in der Hoffnung, daß jemand mitgeht. Es ist sehr zäh aber langsam gelingt es mir, noch ein paar Leute für schärferes Tempo zu mobilisieren, das auch dann kurzzeitig erhalten bleibt, wenn ich aus der Führung rausgehe. So richtig viel bringt es mir aber nicht. Zu wenige ziehen nur zu kurz mit und die Führungsarbeit ist wieder viel zu schnell bei mir. Ich möchte nicht Lokomotive für einen trägen Haufen spielen aber ich bleibe in der Gruppe. Es ist wohl so, daß ich jetzt gerade nach der Anstrengung des Flüelapasses und der Erholung in der Abfahrt, vielleicht aber auch wegen der Doppelkekse, die die anderen nicht hatten, zu Höchstform auflaufe, während andere gerade an ihren letzten Reserven zehren. Etwa 30 km geht es nun hinter Davos auf der Landwasserstraße zunächst mit mäßiger Steigung und längeren geraden Abschnitten hinauf nach Schmitten und dann wieder hinab nach Alvaneu Bad auf knapp 1200m, wo der Königsanstieg des heutigen Tages, hinauf zum Albulapaß (2315m) beginnt. Lange Passagen über 10% sind hier zu bewältigen aber die Konstrukteure haben auch weniger steile Stücke in die Rampe hineingebaut, wo man sich dann bei etwa 5-7% Steigung ausruhen kann. Meine Hochform setzt sich auch in diesem Teil fort. Stetig vorbei an einer sich müde den Hang hinaufquälenden Masse wechsle ich mir mit einem Luxemburger, mit dem ich dann auch später zusammen ins Ziel fahre, immer wieder gegenseitige Angriffe. Mal geht der eine 200m vor, dann wieder der andere. Die Angriffe baue ich wie am Flüelapaß langsam auf und fahre sie nach einer Zeit wieder zurück. Nur habe ich das Gefühl, daß dieses Wechselspiel hier auf deutlich höherem Ausgangsniveau stattfindet. Auch in den Leistungstälern lasse ich andere links liegen. Niemand anderes kommt an mir vorbei, als der Luxemburger. So vergeht die Auffahrt wie im Flug. Von der Paßhöhe sind es noch etwa 30 km bis Zernez. Oben muß ich nochmal Wasser tanken. Auf der Zielgeraden möchte ich jetzt nichts mehr anbrennen lassen. Gewohnt rasant gehe ich in die Abfahrt und hole den Luxemburger wieder ein, der mir beim Wasserfassen davongefahren ist. Er fährt noch mit einem anderen zuammen. Ich schließe mich den beiden an, denn die letzten 20 km von La Punt läßt sich zusammen auf jeden Fall noch etwas machen. So gehen wirs zusammen an, wechseln uns sauber in der Führungsarbeit ab. Etwa einen halben Kilometer vor uns fährt eine größere Gruppe aber wir kommen da nicht ran. Der Luxemburger hat noch richtig Kraft und bleibt jedesmal ungewohnt lang in der Führung. Der dritte im Bund scheint dann irgendwann abgefallen zu sein. Zu zweit jagen wir also dem Ziel entgegen und leisten uns zum Teil halsbrecherische Manöver beim Überholen von Autos. Die Fahrer sind extrem rücksichtsvoll, gehen rechts ran, wenn sie sehen, daß ein Radfahrer vorbei will. In Deutschland wäre das nicht passiert. Um 14.21 rolle ich nach 7:18:27 h hinter dem Luxemburger ins Ziel. Nach einigem Hin und Her in der Rangliste bleibt es für mich schließlich bei Platz 70 von insgesamt 789 Fahrern der langen Strecke. Es war ein guter Tag, denn ich habe nicht nur das mir selbst gesetzte Zeitlimit von 8 Stunden deutlich unterboten. Ich denke auch an den Beinahe-Unfall in der Kurve am Focola di Livigno. Er hätte mich das Leben kosten können. Was ich in diesem Moment noch nicht wußte, ist, daß genau dies einem anderen dort heute passiert ist. Aber auch ohne dieses Wissen hielt ich es an diesem Nachmittag für geboten, einen längeren Augenblick in Stille allein mit mir selbst zu verbringen und ich habe das auch getan. Zum Abend hin kehrt Ruhe ein in Zernez. Die Marathonis brechen ihre Zelte ab, sobald sie nach der Zieleinkunft dazu in der Lage sind. Den Abend verbringe ich dann im netten Plausch mit meinen Zeltnachbarn bei ein paar Flaschen Wein.
Heute gefahren: 215 km in 7:18:13 h Sattelzeit mit durchschnittlich 29,4 km/h über 3803 hm.

Mo. 09.07.
Heute ist mein Geburtstag und nach der ursprünglichen Planung wollte ich den Tag aussetzen, was ich jedoch bereits am Vortag korrigiert hatte. Die seit Tagen angekündigte Kaltfront macht sich bereits in der Nacht mit Regenschauern bemerkbar, die jedoch zum Morgen hin abklingen. Der Tag beginnt mit kühler, wenig bewegter Luft, auf der in größerer Höhe ein grauer Wolkenschleier schwimmt, hinter dem man die aufsteigende Sonne erahnen kann. Es sind ergiebige Niederschläge angesagt, auch für die Alpensüdseite. Die sicherste Variante wäre nun, die 30 km bis zum Malojapaß und von dort zum Comer See hinab zu fahren und dann mit hohem Tempo Richtung Süden zu versuchen, dem Einflußbereich der heranrückenden Front zu entgehen. Noch sicherer wäre es gewesen, noch am Vortag unmittelbar nach dem Rennen die Zelte hier abzubrechen und Land Richtung Süden zu gewinnen aber ich hatte diese Variante trotz sicheren Wissens, was heute passieren wird, nicht ernsthaft in Betracht gezogen. Gestern war gestern und heute ist heute. Gestern war es nicht angezeigt, den Ort, der mir einen so guten Tag beschert hat, in Flucht zu verlassen. Auch heute ist mir noch nicht so zumute und daher stand von Beginn an fest, daß ich nicht den direkten Weg über den Malojapaß in den Süden nehme. Ich werde vielmehr über den Albulapaß nach Tiefencastel und Thusis hinunterfahren und dann die Viamala bis hinauf auf den San Bernardino nehmen. Dieser sich von Thusis über etwa 35 km zunächst durch die Schlucht und dann auf etwa 1600m zur Quelle des Hinterrheins langsam hinaufziehende Anstieg, der dann sein Finale in den nahezu sanften Serpentinen des San Bernardino findet, einem Paß von sehr lieblichem Ambiente ist mein Favorit unter den vielen möglichen Wegen auf die Alpensüdseite. Ich bin ihn in der Vergangenheit immer wieder gern gefahren und möchte ihn auch heute nicht missen. Es ist noch früher Morgen und ich hege die Hoffnung, die Höhe des San Bernardinopasses noch vor dem Wettersturz zu überqueren. Gegen 8:10 Uhr verlasse ich Zernez Richtung Albulapaß. Die 30 km und etwa 1000 Höhenmeter sind in knapp zweieinhalb Stunden erledigt. Wie ich oben ankomme, beginnt leichter Nieselregen. Der Himmel ist inzwischen durchgängig grau aber die Wolken scheinen noch recht hoch zu liegen. Ich halte mich nicht lange auf und gehe sofort in die Abfahrt nach Tiefencastel. Immer wieder durchquere ich Schauerzellen, die an Stärke zunehmen. Noch hoffe ich, im wesentlichen trocken über die Runden zu kommen und meine daher, den Schauer hier aussitzen zu können. Ganz schlüssig ist das nicht, denn nach aller Erfahrung konnte es ab jetzt nur noch schlimmer werden. In Tiefencastel warte ich eine Zeitlang, sitze auf einer Bahnhofsbank und lese in meinem Buch. Dann sieht es wirklich wieder heller aus; der Regen scheint sich abzuschwächen und ich fahre weiter hinunter nach Thusis aber es ist nur eine kurze Regenpause. Ich werde richtig naßgeschüttet, gebe aber noch die Hoffnung, heute noch über den San Bernardino zu kommen, nicht auf. Die ersten Kilometer entlang der Viamala bestärken dies, der Regen schwächt sich zwischenzeitlich ab. Kurz vor Zillis beginnt es zu schütten und ich rette mich in den Fahrzeugunterstand einer Spedition. Die Regenjacke ist bereits durch. Schnell streife ich sie ab, hole das Vlies aus der Tasche, um nicht auszukühlen. Nach einer Zeit schwächt sich der Regen ab und ich gehe wieder auf die Piste, wo ich etwa 8 km schaffe, bis es wieder satt schüttet und ich mich in das Gasthaus an der Rofflaschlucht rette. Hier warte ich im Gang aber es wird nicht besser und ich beginne auszukühlen. Also setze ich mich hinein und bestelle Spaghetti. So vergeht die nächste Stunde, nach der sich der Regen soweit abgeschwächt hat, daß ein Weiterfahren möglich erscheint. Tatsächlich hört er nach einer Zeit sogar ganz auf aber ich schaffe nur etwa 10km bis Splügen, wo ein mittelstarker Dauerregen einsetzt. Es ist 16.20 Uhr. Jetzt bräuchte ich nur noch etwa 2 Stunden, um den San Bernardino zu überqueren, doch die sind mir heute nicht vergönnt. Ich warte im Vorraum der Poststation. Der ist beheizt. Draußen zeigt das Thermometer nur noch 8 Grad. Auf der Paßhöhe, so schätze ich, wird es jetzt keine 4 Grad mehr haben. Selbst wenn es mir gelänge, mich durch den Regen dort hochzuarbeiten, würden spätestens mit Beginn der Abfahrt alle Würfel gegen mich fallen. Ich muß hier bleiben. Dies ist der letzte Ort mit Übernachtungsmöglichkeit- sogar einem Campingplatz. Es ist nun 17.00, die Entscheidung, hier zu bleiben, gefallen. Etwa eine Stunde später läßt der Regen soweit nach, daß ich das Zelt aufbauen kann. Es gibt hier einen Gemeinschaftsraum, wo ich die nassen Klamotten zum Trocknen ausbreite.
Heute gefahren: 100 km in 4:38 h Sattelzeit mit durchschnittlich 21,5 km/h über 1931 hm.

Dienstag, 10.07.
Immer wieder gibt es in der Nacht Regen aber zum Morgen hin stabilisiert sich die Lage und als ich gegen 7.15 Uhr den Platz verlasse, macht sogar die Sonne Anstalten, sich zu zeigen. Die Luft ist kalt, der Boden voll Feuchtigkeit und die Berge ringsum ab schätzungsweise 2000m mit einer Neuschneedecke überzogen. Hier in knapp 1500m Höhe zeigt das Thermometer 5 Grad. Meine Sachen und auch die Schuhe sind über Nacht halbwegs getrocknet und so gehe ich mit neuer Kraft in die Pedalen. So ganz ist dem Frieden nicht zu trauen. Zu dick sind die grauen Wolkenfelder, die sich hoch oben an den Bergflanken tummeln und den Durchbruchsversuchen der Sonne alsbald ein Ende bereiten. Das Antliz, mit dem mir diese Gegend an diesem Morgen begegnet, war mir bis heute fremd. Wann immer ich hier war, leuchteten die liebevoll gepflegten Bergwiesen unter einer warmen Nachmittagssonne in einem sehr intensiven, keineswegs aber satten Grün. Es ist ein Grün, wie man es nur hier zu sehen bekommt, ein Grün, das in seinem Kontrast zum Blaugrün der Wälder, zum Grau der Felsabschnitte in den Berghängen und zum tiefen, klaren Blau eines sommerlichen Nachmittagshimmels märchenhaft wirkt. Es ist einer der Gründe, warum ich gerade hier lang fahren mußte. Heute morgen ist von diesem Grün nichts zu sehen. Es liegt unter Dunst und Schnee. Die sonst so klaren Konturen der Berge, die sich zu beiden Talseiten in greifbarer, keineswegs aber schwindelerregender Höhe erheben, verschwimmen heute. Zwei Stunden brauche ich, um den San Bernardino zu überqueren und es sieht so aus, als würde es zu einem Wettlauf werden. Ich gebe also was geht, bewege mich mit großem Tempo auf der kleinen Nebenstraße neben der Autobahn, die dann alsbald, kurz hinter Hinterrhein im Tunnel verschwindet, bis zum Ende des Talgrundes, wo die letzten 400 Höhenmeter Anstieg hinauf zum San Bernardino beginnen. Immer wieder werde ich von kleinen Schauerzellen gestreift, aber heute lasse ich mir den Sieg nicht nehmen. Sie sind nur kleine Ausläufer des Unheils, das sich nun unter meinen Augen erneut beginnt, auf der Alpennordseite zusammenzubrauen. Kurz vor der Paßhöhe schlägt der Niederschlag in leichten Schneefall um. Das Thermometer zeigt zwei Grad. Oben, auf 2065 m, erwartet mich eine verschneite Landschaft aber zwischen den Dunstschleiern öffnet sich der Blick in das Tal vor mir. Ich sehe grüne Berghänge, die in mildes Sonnenlicht getaucht sind. Es sieht paradiesisch aus. Ich wende mich zurück. Dort steht die dunkelgraue Wolkenwand, aus der kleine Schneeflocken herabsinken. Trotz der Kälte komme ich nicht umhin, dieses Kontrastspiel eine Weile zu betrachten. In der Abfahrt wird es schnell wärmer. Den Dunst habe ich bereits nach wenigen Metern hinter mir und bewege mich nun in zwar kühler, jedoch sonnendurchfluteter Vormittagsluft. Der erste Ort nach der Paßhöhe, das auf 1600m gelegene San Bernardino wirkt schmucklos und noch keineswegs südländisch. Mehr als 15 Minuten Abfahrt waren es bis hierher nicht. Die Temperatur jedoch hat sich bereits auf 10 Grad verfünffacht. Nach kutzem Wiederanstieg fällt dann die Staße steil hinab ins Tessin. Nach weiteren 30 min ist der Talgrund erreicht. Dort herrschen sommerliche 25 Grad: Vier Jahreszeiten in weniger als einer Stunde. Bis Bellinzona bleiben noch etwa 20 km. Gegen 11:00 Uhr fahre ich dort ein. Der Süden ist nun endgültig erreicht. Ich habe nun vor, am Ostufer des Lago Maggiore entlang bis hinein in die Poebene zu fahren. Mit dem Fahrrad ist einige Navigationskunst gefordert, wenn man ohne Benutzung der Schnellstraße Richtung Lugano aber auch ohne größere Umwege an den Beginn jener kleinen, landschaftlich reizvollen „Seestraße“ gelangen möchte, die dann über etwa 80 km den Lago Maggiore nach Süden begleitet. Das einfachste ist es wohl, ausgehend vom Stadtzentrum nach Nordwesten hin den Fluß Ticino und die Autobahn in Richtung Monte Carasso zu überqueren. Dies ist beschildert und leicht zu finden. Wenn man dann auf der Hauptstraße bleibt, führt die Beschilderung weiter Richtung Locarno. Die Straße ist hier mäßig befahren. Sie führt parallel zum Ticino etwas oberhalb des Talgrundes über einiges Auf und Ab und durch zahlreiche Orte. Nach etwa 10 km stößt man dann auf die Hauptstraße, die Locarno mit der Achse Bellinzona-Lugano verbindet. Hält man sich hier links, Richtung Lugano-Bellinzona, überquert man alsbald wieder den Ticino, hinter dem dann unmittelbar nach rechts der Abzweig der „Seestraße“ Richtung Luino kommt. Diesen Wegabschnitt erreiche ich kurz vor Mittag. Der Himmel hat sich inzwischen mit einer hochliegenden dünnen Wolkendecke überzogen. Nur diffus gestreutes Sonnenlicht erreicht den Boden, jedoch hält sich die Temperatur bei 25 Grad. Die hinter mir in den Alpen aktive Kaltfront sorgt für einen Fallwind entlang des Sees in meine Richtung, den ich dankbar annehme. Das südliche Flair der italienischen Seenlandschaft ist nach dem gestrigen Tag und dem Wintererlebnis von heute morgen ein Genuß. Bis Laveno führt die Straße an dem relativ steil in den See hinabfallenden Berghang in einem sanften Auf und Ab recht nah am Ufer entlang. Sie ist gesäumt von langezogenen Orten und recht harmonisch in die Uferlinie eingefügten, Villen, Gärten, Terassen und Bootshäusern. Trotz der starken Kultivierung wirkt die Uferlinie keineswegs überladen. Die Fahrt ist mit ihren ständig wechselnden Perspektiven auf den See und den sich immer wieder auftuenden Sichtachsen auf das gegenüberliegende Ufer mit den markant sich heraushebenden gewachsenen Stadtkernen kurzweilig. Ab Laveno flachen dann die Berge an beiden Ufern ab. Die Landschaft weitet sich und beginnt bereits hier, den aus einer Gliederung in kultivierten Wald, Feld und ungeordnete Bebauung bestehenden Charakter der sich südlich des Sees bis Novara anschließenden Endmoränenlandschaft anzunehmen. Es geht auf und ab und von Zeit zu Zeit öffnet sich der Blick auf den rechts liegenden See mit seinem immer sanfter, aber auch brackiger werdenden Uferbereich. Über mir liegt hochoben der dünne Wolkenschleier. Wenn ich zurück in die Berge schaue, wird er undurchdringlich. Das diffuse Sonnenlicht erreicht dort hinten den Boden nicht mehr. So wie es aussieht, beginnt der kalte Arm der in die Alpen eingedungenen Front nun auch mit Regen ins Tessin hineinzugreifen. Mich jedoch wird er nicht mehr erreichen. Nach Süden hin ist der Himmel zweigeteilt. Der Wolkenschleier endet in einer scharf gezogenen Linie, die in halber Höhe quer über den Himmel läuft. Darunter leuchtet gelblich eingefärbtes Blau. Das Ende des Lago Maggiore markiert ein Ort Namens Sesto Calende. Hier durchquert die „Seestraße“ zunächst die sich über den südlichen Ablauf des Sees spannende rostige Eisenbrücke, um sich dann rückseitig in einem Bogen auf diese hinaufzuschwingen. Am Südstumpf des Sees geht es dann kurz durch ein riesiges, verstaubtes Einkaufs- und Gewerbegebiet in östliche Richtung auf die von Nord nach Süd laufende Staatsstraße nach Novara. Sätestens hier beginnt der nächste Abschnitt der Reise. Im Normalfall ist es hier brechend heiß. Zunächst steigt die Straße sanft auf eine Endmoräne hinauf. Die knapp 30 km bis Novara verlaufen heute auf der schnurgeraden, ab und zu durch Kreisel unterbrochenen Straße bei anhaltendem Rückemwind und mäßigen 25 Grad zügig und ereignislos. Die Landschaft wirkt lieblos zersiedelt. In Novara, einer im Stadtkern imperial wirkenden und inzwischen patinaüberzogenen und den Charm des Verflossenen verbreitenden Stadt, hatte ich bisher stets Schwierigkeiten, nach der Durchfahrt im Süden den richtigen Ausgang, die S211 Richtung Mortara zu finden. Heute gerate ich, noch vor dem Ortseingang einem Wegweiser nach Mortara folgend, auf eine vierspurige Umgehungsstraße, die ich mit gemischten Gefühlen annehme. Um nicht als Radfahrer aufzufallen, erhöhe ich das Tempo. Nach etwa 30 min ist der Spuk vorbei und ich befinde mich, mit gutem Zeitgewinn am Südende der Stadt, wo ich die verbleibenden 24 km nach Mortara angehe. Die Landschaft beginnt hier, einen feinsinnigen Charme zu entwickeln. Auf den ersten Blick trostlos, fällt bei näherem Hinsehen auf, daß die ungeornete Bebauung hier stark zurückgeht. Die Straße führt durch gewachsene, verschlafen wirkende Orte mit schmucken, in ihrem Glanz verblaßten Barockkirchen, deren Türme in der flachen, sumpfigen Ebene weithin sichtbar sind. In Mortara halte ich mich rechts Richtung Casale Monferrato, biege dann aber nach etwa 5 km nach Süden auf die S494 Richtung Valenza ab. Die Straße ist recht schmal und kaum noch befahren. Sie paßt zu der inzwischen sehr verlassen wirkenden Gegend, endlosem Sumpfland, durch das sie sich schnurgerade Richtung Süden zieht. In den Orten, die ich durchquere, scheint die Zeit stehengeblieben zu sein. Großzügige Bauten künden vom Reichtum vorangegangener Jahrhunderte. Massiv ummauerte Arreale an den Ortsrändern haben schicke barocke Eingangspforten, aus denen Alleen hinausführen. Was aus der Ferne wie eine Festungsanlage aussieht, erweist sich bei näherem Hinsehen als Friedhof. Ich meine, daß ich die Gegend zu schnell durchquere und ein Verweilen hier lohnend sein könnte. Kurz vor dem Po, unmittelbar hinter Torre Beretti, macht die Straße einen scharfen Knick nach rechts und schwingt sich dann auf die Eisenbrücke über den Fluß. Das breite Bett ist nur zum Teil mit Wasser gefüllt. Ich überlege, ob ich für die Nacht hier bleibe. Inzwischen ist der Nachmittag fortgeschritten und in der Weiterfahrt Richtung Valenza ist nach kurzer Strecke ein Campingplatz ausgeschildert. Die Lust am Weiterfahren paart sich aber mit dem Erfordernis, noch etwas einkaufen zu müssen. Wenige km später, in Valenza, fasse ich Vorräte und beginne nun, über meinen Verbleib für die Nacht nachzudenken. Es geht weiter. Ich werde mir einen Wald suchen. Hinter Valenza komme ich in eine mit herrschaftlichen Villen bebaute, in gelbe Felder, Waldstücke und Obsthaine gegliederte markante Hügellandschaft, von deren Erhebungen nach Süden hin bereits die Appenien sichtbar werden. Die Gegend ist aber zu kultiviert, als daß ich hier einen Platz für die Nacht finden könnte. So fahre ich noch die etwa 15 km nach Alessandria hinein. Auch hier hatte ich in der Vergangenheit stets Probleme, nach der Stadtdurchfahrt im Süden die richtige Ausgangsstraße zu finden. Wegweisungen sind hier nur auf den Fernverkehr ausgelegt und die Stadt ist einer jener größeren Knotenpunkte, an denen eine dünne Ausfallstraße im Gewirr der Hauptverkehrsachsen schnell untergeht. Andererseits ist es nicht unbedingt ein Verlust, im Bereich der Innenstadt etwas irrend zu verweilen. Wenn man von Norden her kommt, überquert man zunächst einen Fluß, den Tanaro und fährt dann sofort auf eine unmittelbar um den Stadtkern gezogene Ringstraße. Wie ich heute nach etwa einstündigem Suchen herausfinde, fährt man auf dieser Ringstraße am besten nach rechts. Man bewegt sich dann eine kurze Zeit an ausgedehnten Bahnanlagen entlang, die sich rechts des Weges befinden. Den richtigen Ausgang, eine nach Südenwesten aus der Stadt führende Nebenstraße, die alsbald in die S30 nach Acqui Terme einmündet, findet man, indem man auf der Ringstraße der ersten Wegweisung nach rechts zum Industriegebiet folgt. In dem sich anschließenden Vorort folge ich dann der Wegweisung nach Acqui Terme. Dort wo ich nach etwa 10km auf die Staatstraße treffe, schlage ich mich links in ein Maisfeld, das auf der anderen Seite durch ein Flüßchen, die Bormida, begrenzt ist. In einem kleinen trockenen Waldstreifen daneben schlage ich das Zelt auf. Es ist 20.00.
Heute gefahren: 289,28 km in 10:05 h Sattelzeit mit durchschnittlich 28,6 km/h über 1661 hm.

Mittwoch, 11.07.
Es war nicht ratsam, am Vortag bis in den Abend hinein zu fahren. 10 Stunden Sattelzeit waren bei dem gefahrenen Tempo der Belastung zuviel, als daß eine kurze Nacht zur Erholung genügt. Zwei Stunden weniger und die Dinge wären heute gut. So wie es aber ist, lassen sich die Pedalen nur kraftlos bewegen und jeder Versuch, eine Leistungssteigerung aufzubauen, bricht beim geringsten Rhythmuswechsel, bei jeder noch so kleinen Steigung und nach jedem Abbremsen sofort wieder  zusammen. Bis Acqui Terme sind es auf gerader Straße entlang der Bormida etwa 25 km. Die Landschaft wird hügeliger und unmittelbar vor mir liegen die letzten Erhebungen der Alpen, die zwischen Nizza und Genua an der ligurischen Küste entlang auslaufen und per definitionem am 462m hohen Giovipaß bei Genua enden. Ab dort heißen sie dann Appenien. Den letzten Alpenzug möchte ich ausgehend von Acqui Terme auf einer kleinen Nebenstraße überqueren, die sich entlang des Erro auf den 516m hohen Colle del Giovo hinaufschlängelt und dann östlich von Savona, in Albissola Marina auf das Mittelmeer trifft. Die Ankunft am Meer wird ein denkwürdiger Moment. Sie markiert die Umsetzung des Traumes, mit eigener Kraft von Jena zum Mittelmeer gefahren zu sein. Ich befinde mich also auf der Zielgeraden und wegen meiner erheblich angefressenen Kräfte ohne Sorge. Etwa 45 km trennen mich noch vom Meer. In Acqui Terme folge ich der Wegweisung Richtung Ovada, die mich südlich aus der Stadt hinaus und dann über eine mit groben Steinen gepflasterte Brücke führt, die den Fluß Bormida überquert. Nach der Brücke halte ich mich rechts Richtung Sasello. Hier unten im Flußtal stehen die riesigen Reste eines verfallenen römischen Aquädukts. Die dünne Straße steigt zunächst über einige Kilometer in die östliche Flanke des Erro-Tals hinein an und fällt dann zum Fluß hinunter wieder ab. Von hier schlängelt sie sich dann über etwa 15 km in sanfter Steigung am Wasser entlang in die Berge hinauf. Auf halbem Weg hat es auf der rechten Seite eine Quelle, an der ich den Wasservorrat auffülle. Der Ort Sasello thront mit seiner mächtigen Kirche hoch oben in den Bergen. Es scheint hier eine ansehliche Altstadt zu geben. Die Straßenrestaurants sind gut besucht. Nur noch wenige Kilometer trennen mich hier von der Paßhöhe. Die Straße führt nun durch eine dicht bewaldete Gegend in gerader Linie weiter den Berg hinauf. Oben ist eine kleine Ortschaft. Nach kurzem Verweilen gehe ich in die steile, kurvenreiche Abfahrt. Albissola ist wie jeder andere Ort entlang der Küstenstraße mit einer Blechlawine verstopft, an der ich ganz nach italienischer Art, nämlich auf der linken Seite in der Straßenmitte vorbeifahre. Das hier herrschende geschäftige, ja hektische Treiben berührt mich kaum. Es ist Teil des Platzes, den ich nun endlich erreicht habe. Sonne und Meer sind nun einschließlich aller damit verbundenen Umstände angesagt. Auf der Küstenstraße halte ich mich rechts Richtung Savona. Von Savona, einst mächtige Handelsstadt aber von den Genuesen seit dem Mittelalter klein gehalten, fallen die gewaltigen Festungsmauern über der Altstadt und der mit riesigen Kreuzfahrtschiffen gefüllte alte Hafen auf, um den sich die Straße herumwindet. Einige Kilometer hinter der Stadt, noch hinter dem Fährhafen Vado Ligure,  gibt es einen längeren Abschnitt mit steinigen, relativ steil ins Wasser hinein abfallenden Stränden, die nicht so stark dem allgemeinen Geschmack entsprechen, daß sie überfüllt sind. Eher entsprechen die dort herrschenden etwas rauheren Bedingungen meinem Geschmack. Strandbars gibt es hier auch. Nach kurzem Einkaufsstop lasse ich mich dann irgendwo dort für einen langen Strandnachmittag nieder. Gegen 18.00 gehe ich dann auf die inzwischen nur noch schwach befahrene Piste weiter Richtung Westen. Die ligurische Küste hat hier durchaus ihren Reiz. Die Straße hangelt sich von Bucht zu Bucht, die durch hochaufragende, zum Teil felsige Landzungen voneinander getrennt sind. In den Buchten fällt die Straße bis hinunter zur Wasserlinie ab. Hier verläuft sie dann entlang von Stränden und Uferpromenaden und vorbei an schmucken Städten, die zwar touristisch geprägt, aber nicht überladen wirken. Am Ende einer jeden Bucht zieht sich dann die Straße im langen Bogen empor zur Spitze der Landzunge. In luftiger Höhe folgt sie dann der felsigen Küstenlinie und eröffnet atemberaubende Blicke auf das Meer, bevor sie in die nächste Bucht hinabgleitet. Dieses Wechselspiel wird nur hinter Finale Ligure durch einen einen ca 20 km langen flachen und brackig wirkenden Küstenabschnitt unterbrochen. 10 km hinter Imperia schließe ich dann die etwa 80 km lange Abendetappe in Lorenzo al Mare ab. Ich gehe hier auf einen an ein Restaurant angegliederten kleinen Campingplatz im Berghang über dem Industriehafen. Ich bin hier der einzige Gast. Es ist 21.00.
Heute gefahren: 168,13 km in 6:18 h Sattelzeit mit durchschnittlich 26,6 km/h über 1200 hm.

Donnerstag, 12.07.
Noch immer bin ich angefressen von der Etappe vorgestern. Die gestrige Abendfahrt war unter physiologischen Aspekten nicht optimal und so beginnt die Fahrt heute nicht anders als gestern. Bis Nizza sind es noch etwa 80 km – kein Beinbruch, für diesen Rest nicht topfit zu sein. Die nun vor mir liegende Vormittagstour erfordert auch eher Nerven denn Antriebsleistung. Der späte Start gegen 9.20 bringt mich in das italienische Verkehrschaos hinein, das mich gestern Mittag noch ruhig gelassen und das ich im weiteren durch die Verlegung der Küstentour in den Abend umgangen habe. Im Grunde herrscht nun auf jedem Meter der Küstenstraße Stop and Go. Hier reiht sich ein Badeort an den anderen. Zu dieser Zeit kleckern die Badegäste in kleinen Gruppen zum Strand, wobei sie die Fußgängerwege benutzen, die im Abstand von wenigen hundert Metern die Hauptstraße queren. Auf dieser schiebt sich in beiden Richtungen eine endlose Blechlawine, die immer wieder ins Stocken gerät, wenn irgendwo jemand einen Überweg betritt. Die italienischen Autofahrer sind sehr rücksichtsvoll und geduldig. Nicht anders gestalten sich die Durchfahrten durch die Innenstädte von San Remo, Bordighera und Ventimiglia, der letzten Stadt vor der französischen Grenze. Ventimiglia wirkt irgendwie verwahrlost aber vielleicht sind es ja die bis zu dieser Stunde geschluckten Abgase, die mir den Blick für das Schöne und Korrekte nehmen. Ich kann eine aufkommende Freude nicht unterdrücken, Italien in Kürze zu verlassen und pfeife schon mal die Marseillaise. Frankreich empfängt mich mit solider Geruhsamkeit, deren Sinnbild ich kurz hinter dem Grenzübertritt in der Silhouette von Menton erkenne. Die Altstadt liegt am Ende einer breiten Bucht, die dort durch das weit ins Meer hineinreichende, hügelige und bewaldete Cap Martin begrenzt ist. Sie thront auf dem sanft sich ins Meer hinabsenkenden Berghang und wird im unteren Drittel von einer barocken Kirche dominiert. Von den sie umgebenden Hotelbauten hebt sie sich kompakt ab. Durch ihre erdfarbenen Fassaden strahlt sie mediterane Wärme und Gelassenheit aus. Jenseits des Cap Martin schließt sich Roquebrune an. Der in die steile Bergflanke hineingebaute Ort zieht sich über einige Kilometer an der Küste entlang und wird von einer hochoben liegenden mittelalterlichen Festung beherrscht. Nahtlos schließt sich Monaco an. Man hat hier die Kunst, eine Stadt mit Hochhäusern, Brücken und Plätzen, Parkanlagen und Verkehrswegen in einen fast senkrecht sich aus dem Meer erhebenden Fels hineinzubauen, mit Perfektion umgesetzt. Allein dies schon lohnt einen Besuch, den ich dieser Stadt bereits vor Jahren erstattet habe. Noch immer ortskundig, folge ich dem durch das über mehrere Ebenen laufende Straßenknäuel hinunter zum Yachthafen. Die Suche nach dem richtigen Ausgang nach Nizza, nämlich die Küstenstraße und nicht die Autobahn, gestaltet sich dann aber schwierig und beschert mir einen unfreiwilligen aber vom Ergebnis lohnenden Abstecher hinauf zur Fürstenresidenz.  Mein Ziel für heute heißt eigentlich nicht Nice, sondern Eze, ein hoch über dem Meer in den Fels gebauter Ort. Hier soll es den einzigen Campingplatz in der weiteren Umgebung geben. Daß die Vorstellung, hier einen idyllischen Platz direkt am Mer zu finden, illusorisch sei, weiß ich bereits seit Wochen. Die nächsten Tage, die ich hier verbringen werde, werden also kein durch Müßiggang geprägter Badetourismus sein. Das geplante Nichtstun wird sich anders gestalten, als vom Zelt direkt ins Wasser zu springen. Kurz hinter Monaco stoße ich auf ein rechts den Berg hinauf, nach Eze Village weisendes Schild. Eze Village ist, wie ich im weiteren Verlauf erfahre, eine auf einem Felsen 400m über dem Meer thronende mittelalterliche Stadtanlage in dem extrem steilen Küstenabschnitt zwischen Niza und Monaco. Verkehrstechnisch ist dieser Küstenabschnitt durch drei auf unterschiedlicher Höhe parallel verlaufende Straßen erschlossen: Die Basse Corniche läuft weitgehend an der Wasserlinie entlang. Auf halber Höhe, etwa 300 m hoch und unmittelbar an Eze Village vorbei, führt die Moyenne Corniche und auf dem Kamm der die Küste säumenden Bergkette verläuft die Haute Corniche, deren höchster Punkt mit 507m der Col d´Eze, direkt oberhalb von Eze Village gelegen, ist. Mein Campingplatz liegt an der Grand Corniche zwischen Nizza (Entfernung: etwa 10 km) und dem Col d´Eze (Entfernung: etwa 2 km) in etwa 500m Höhe direkt im Berghang. Hier oben herrscht absolute Ruhe. Der Boden ist knochentrocken und durch dürren Bewuchs bedeckt. Tief unten liegt das Meer, das hier eine langgezogene Bucht bildet. Im Westen wird sie durch das weit hinausragende St.-Jean-Cap-Ferrat, im Osten durch das wuchtige Cap-d`Ail begrenzt. In ihr ankern unzählige winzige Yachten. Motorboote malen lautlos Stiche und Kringel in die See. Die unfaßbare Größe dieses sich zum Meer hin öffnenden Raumes läßt den Ort trotz der glühenden Mittagssonne angenehm kühl erscheinen, vielleicht aber ist es auch der kaum spürbare Windhauch von der See. Dieser Ort, den ich gegen 13.00 erreiche, übertrifft meine Erwartungen. Hier bleibe ich nun eine knappe Woche.
Heute gefahren: 77,81 km in 3:32 h Sattelzeit mit durchschnittlich 21,9 km/h über 947 hm.

Freitag, 13.07.-Dienstag, 17.07.
Der Platz ist terassenförmig angelegt und sehr gepflegt. Er gehört einem Ehepaar, das hier in der Abgeschiedenheit auch eine Bar betreibt. Der nächstgelegene Ort ist in einer Entfernung von etwa 4km Eze Village. Neben der auf den Fels gebauten Altstadt findet man hier Supermarkt, Tabakladen, Bank und Restaurants. Nizza ist, der Grand Corniche bergein nach Westen folgend, mit dem Rad in etwa 20 min. erreichbar, zurück in 40min. Derselbe Zeiteinsatz ist für einen Schwimmausflug erforderlich. Meine Tage beginnen gelassen. Auf dem Dach der Welt sitzend und Buch oder Zeitung lesend vergehen die Vormittage. Zeitung und Frühstück gibt es, je nach Laune, durch einen 40 minütigen Ausflug unten in Eze Village zu erwerben. Einige Nachmittage verbringe ich in Nizza aber ich werde mit der Stadt nicht so recht warm. Die Altstadt ist touristisch überladen und reizt mich kaum. Mehrere Stunden verbringe ich mit der Betrachtung endloser, mit schicken Jugendstilfassaden gesäumter Straßenzüge. Von anziehendem Charme ist die Seepromenade. Gerne hätte ich hier mit den Franzosen am Samstag den Nationaltag gefeiert aber ich komme an diesem Nachmittag des 14. Juli zu spät. Die Tribünen werden bereits wieder abgebaut. Einen Abend verbringe ich im exotischen Garten, der sich auf der Felsspitze von Eze Village befindet. Einen stimmungsvolleren Ort als diesen in der Abendsonne kann man sich nicht vorstellen. An anderen Tagen gehe ich nachmittags schwimmen und probiere verschiedene Strände aus. Ohne lange Weile vergeht die Zeit. Schön ist es auch, abends mit dem Fahrrad auf den Straßen hoch oben über dem Meer herumzukurven. Immer wieder zweigen Stichstraßen ab, die auf kahle Bergkuppen hinaufführen. Von dort hat man Rundumblick auch weit hinein ins Hinterland. Folgt man der Grand Corniche weiter Richtung Osten, so gelangt man nach La Turbie, eine hoch im Berg über dem Meer liegende Kleinstadt. Von dort führt eine kleine Departementstraße durch knochentrockene Landschaft entlang der Flanke eines Höhenzuges Richtung Peille ins Landesinnere. Ein anderer, zum Golfclub weisender Weg windet sich die Bergflanke hinauf, an deren Fuß Monaco liegt. Hinter dem Golfplatz strebt er einer bewaldeten Bergkuppe zu, auf deren Spitze sich eine riesige Radaranlage befindet. Auf einem Parkplatz unterhalb des Golfplatzes steht ein klappriges Wohnauto mit deutschem Kennzeichen. Die Insassen, ein Pärchen Mitte 30 haben in Deutschland die Wohnung aufgegeben und wohnen nun hier. Der Blick aus etwa 700m Höhe hinunter zum Meer, auf Monaco und Cap d´Ail sowie die Stille lassen die Wahl verständlich erscheinen. Die beiden leben von Straßenmusik, die sie abends in Nizza darbieten. Wie ich hier für ein kurzes Verweilen anhalte, laden sie mich zu einer Tasse Tee ein und wir quatschen, bis mich die einbrechende Dunkelheit zum Abschied zwingt. Am letzten Tag meines Aufenthaltes treibt es mich dann bereits nach dem Aufstehen zu einer Tour durch das Hinterland. Damit bereite ich innerlich den unvermeidlichen Abschied vor. Von La Turbie folge ich heute der eben genannten Höhenstraße in das Hinterland bis Peille. Dort beginnt sich dann die Straße hinunter ins Tal zu winden aber vorher gibt es einen dünnen Abzweig nach rechts, der nach l`Escarène weist. Vom Untergrund ist diese Straße für das Rennrad gerade noch brauchbar. Sie windet sich in etwa 500m Höhe an einer bewaldeten Bergflanke entlang und senkt sich dann nach einigen Kilometern in den Talgrund hinab, in dem ein kleines Flüßchen fließt. Hier stehen mitten in der Landschaft einzelne Häuschen mit sehr naturnahen Gärten. Ein Aussteiger könnte sich wohl keinen besseren Ort zum Verbleib vorstellen. Auf der anderen Talseite steigt dann die Straße wieder entlang der Bergflanke an, schwingt sich über den Höhenzug hinüber und fällt dann in zahlreichen Serpentinen nach l´Escarène hinein ab. Der Ort ist schön anzusehen, hat eine recht dominante Kirche, einen Bouleplatz und eine über den Fluß führende steinerne Brücke. Hier folge ich dem Wegweiser Richtung Col de Braus. Die Straße steigt zunächst an der Flanke eines Flußtales mit mäßiger Neigung hinauf nach Touët-de-l´Escarène, einem ebenso schmucken wie verschlafenen Dörfchen. Von dort führt sie durch einige Serpentinen aus dem sich verengenden Tal hinaus in ein Hochtal und von dort über eine treppenförmig angelegte Serie mehrerer Serpentinen in die nächste, zwergwüchsig bewaldete, steinige und in der Hitze flimmernde Bergflanke hinein, an deren Kante sie sich dann zur 1002 m hoch gelegenen Paßhöhe hinaufzieht. Hier oben steht inmitten von trockenem Nadelwald weinberankt die Ruine eines einst mehrstöckigen, aus Natursteinen gemauerten Gasthauses. Auf halbem Weg der kurvenreichen Abfahrt nach Sospel schlage ich mich dann rechts in eine Nebenstraße, die weitgehend gerade durch einen Wald hinüber zum 706m hohen Col de Castillon führt. Von dort rolle ich hinunter nach Menton, wo ich ein Bad nehme und dann den bekannten Weg über das Cap Martin, durch Roquebrune und Monaco hinauf zur Grand Corniche folge. Den letzten Abend verbringe ich im netten Plausch mit meinen polnischen Nachbarn bei zwei Flaschen Wein.
In diesen Tagen gefahren: 291 km über 5227 hm.

Mittwoch, 18.07.
Die gestrige Tour hat mich bereits etwas angeknabbert, jedoch war es nicht die Kraft, sondern die Sitzfläche, die gelitten hat. In der Hitze wird man dort schnell wund. Die Feuchtigkeit verringert die Festigkeit der Haut aber für dieses Problem gibt es, wie die Erfahrung der letzten Tage zeigt, eine einfache Lösung: Man fährt nicht mit Rad- sondern mit Badehose. Es ist nämlich allein das Polster der Radhose, das bei hohen Temperaturen die Feuchtigkeit hält. Ich starte in noch angenehmer Kühle und in üblicher Bekleidung um 7.20 Uhr und nehme den bereits von gestern bekannten Weg auf der Grande Corniche bis la Turbie und von dort die D53 nach Peille. Weiter möchte ich wie gestern zunächst nach l`Escarène und von dort den Fluß hinauf bis Lucéram. Dann zunächst auf Nebenstraßen über einen Höhenzug hinüber ins Vesubietal und diesem bis hinauf zum Col St.-Martin (1500m) folgen. Von dort könnte ich dann direkt hinunter ins Tal des Tinée abfahren, welches dann über längere Zeit mein Begleiter bis hinauf auf den Col de la Bonette (2802m) sein wird. Wenn alles gut läuft, sehe ich die Chance, heute noch bis dorthin vorzustoßen. Die Weichenstellung, die dies verhindert erfolgt bereits sehr früh, nämlich am Ortsausgang von Peille. Ich nehme hier nicht wie gestern die sich in weitem Bogen um das Tal herumwindende „Waldstraße“, die ohnehin ein riesigenr Umweg wäre. Vielmehr fahre ich nun direkt hinunter ins Tal des Peillon, um dann dem Fluß hinauf nach l´Escarène zu folgen. Die „Flußstraße“ ist jedoch durch einen fest montierten Eisenzaun gesperrt, der Grund dafür nicht ersichtlich. Ich kehre also um, fahre ein ganzes Stück flußabwärts und stehe schließlich nach heute etwa 40 km kurz vor Nizza und nur wenige Kilometer Luftlinie von meinem Ausgangspunkt entfernt. Im Grunde besteht nun die Aufgabe darin, einen möglichst direkten Weg hinüber in das nach Norden laufende Tal des Tinée zu finden, was einfacher klingt, als es ist. Hier in Küstennähe laufen alle Flüsse von Nord nach Süd und in entsprechender Ausrichtung liegen die Verkehrsachsen. Querverbindungen sind nicht nur mit bissigem Auf und Ab, sondern auch mit erheblichen Umwegen verbunden. Nach kurzem Durchatmen gehe ich also an, was nicht vermeidbar ist. Der Tag wird Teil II der gestern begonnenen Besichtigungstour durch die Seealpen, ein durchaus reizvolles Programm. Die Ausfallstraße aus Nizza, auf die ich gestoßen bin, nehme ich zunächst ein kurzes Stück nach Norden und biege nach etwa 3km links in ein Seitental, das mich in nordwestliche Richtung nach  Contes führt. Dort folge ich der Wegweisung nach Châteauneuf-Villevieille, einem auf dem Bergkamm in knapp 700m Höhe gelegenen Festungsdorf, zu dem sich die Straße in treppenförmig angelegten Serpentinen hinaufschlängelt. Bereits hier wird die Temperatur brütend und ich wechsle in die Badehose. Das von einer Mauer umgebene Dorf auf der Felsklippe wirkt einladend museal aber ich fahre weiter. Der erste Bergkamm ist geschafft. Der Weg führt nun auf der anderen Seite hinunter zur D19, die einem in nordwestliche Richtung weisenden Hochtal folgt, das bei Levens abrupt in das 350m tiefer gelegene Vartal abstürzt. 10 km nördlich von Levens stößt das Tal der  Tinée auf den Var. Dies ist das Tal, dem ich im weiteren Verlauf nach Norden folgen muß. Der Weg dorthin scheint also zum Greifen nahe. Unmittelbar nördlich von Levens hat sich aber auch der Vésubie von Nordosten her kommend in einem engen Tal seinen Weg gebahnt und trifft tief unten mit dem Var zusammen. Die von Levens in den Talgrund führende Straße, die D19,  läuft zunächst hochoben in der Flanke des Vésubietals ca 15 km weit nach Nordosten.  Bei St.-Jean la Rivière trifft sie auf die im Talgrund laufende D2565, der man nun, in entgegengesetzter Richtung und auf der anderen Flußseite folgen und so nach insgesamt 30 km das Vartal unterhalb von Levens erreichen kann. 30 km für einen Steinwurf- das ist der Tribut der Schroffheit der Seealpen. Mein Weg folgt nun zunächst der D19, also der nach Nordosten führenden Straße in der Flanke des Vesubietals. Sie ist sehr spektakulär in den Steilhang hineingemeiselt, folgt seinen Konturen in teils engen Kurven und durchbricht sie teils in ebenso engen, naturbelassenen Tunnels. Die Strecke ist unbedingt empfehlenswert. In dem knapp 300m hoch gelegenen St.-Jean la Rivière beginnt nach Überquerung des Vesubie mein zweiter Steilanstieg für heute, diesmal in glühender Mittagshitze. Die Straße führt von hier über zahlreiche Serpentinen in das knapp 800m auf dem Bergrücken gelegene Utelle, ebenso ein Festungsdorf. Auf der anderen Seite des Rückens folgt eine dürre Departemetstraße zunächst auf halber Höhe einem sich nach Westen hin absenkenden Tal, schwingt sich dann hinauf auf den Grad und führt auf der Rückseite in schwungvollen Serpentinen zum Grund eines parallelen, ebenso nach Westen hin abfallenden Tals. Dort beginnt dann nach Überquerung eines Flüßchens der Anstieg hinauf zum dritten und letzten Festungsdorf für heute, dem 600m hoch über einem Seitental des Tinée gelegenen La Tour. Danach folgt die Straße in luftiger Höhe dem zum Tinée hin weisenden Berggrat und stürzt sich schließlich in das 350m tiefer gelegene Tal. Nun bin ich endlich dort, wo ich hinwollte. Bis Isola, wo ich plane zu übernachten, sind es noch etwa 40 km talauf. Es ist früher Nachmittag. In meine Richtung steht ein strammer Wind. Ich genieße den Ausklang der Etappe und lasse mich entspannt durch das enge, reizvolle Tal mit seinem reißenden Fluß dem Ziel entgegentreiben, das ich gegen 15.00 erreiche. Isola, 900m hoch gelegen,  ist ebenso wie das 15 km talab liegende St.-Sauveur sur Tinée durch seinen museal, keineswegs aber touristisch geprägten Charme sehenswert. So fällt es nicht schwer, hier zu bleiben.
Heute gefahren: 142,63 km in 6:18 h Sattelzeit mit durchschnittlich 22,5 km/h über 2638 hm.

Donnerstag, 19.07.
Der Morgen ist angenehm frisch. Der nächtliche Fallwind hat sich noch nicht gelegt und schiebt sich in einem leichten Hauch das Flußtal hinab. Heute fahre ich bereits mit Badehose los. Es ist 7.20 Uhr. Die Sonne hat noch nicht bis hinunter ins Tal gefunden. Weiter geht es im sanften Anstieg den Fluß hinauf bis zum 15 km entfernten St.-Etienne-de Tinée. 1200m hoch gelegen beginnt hier die Anfahrt zum Col de la Bonette. Wie ich den Ort durchfahre, macht sich am Straßenrand gerade eine größere Gruppe Radfahrer bereit für den Paß aber noch sind sie am Auspacken. Am Ortsende führt die Straße hinüber zum rechten Flußufer und geht dann sofort in eine ca 5%ige Steigung. Dabei folgt sie zunächst einige Kilometer dem Tal eines Gebirgsbaches bis auf etwa 1800m Höhe, um sich dann in einigen Serpentinen auf den rechten Talrand hinauf zu schwingen. Inzwischen ist es recht warm geworden. Die Bergwiesen stehen in voller Blüte. Über dem kniehohen Gras tummeln sich tausende Insekten. Bald bin ich von einem Schwarm umgeben. Ich versuche, ihn loszuwerden. Bei 20 km/h kommen sie nicht mehr mit, nur ist dieses Tempo in der Steigung nicht lange zu halten. Wenn ich runtergehe, sind sie sofort wieder da. Ich werde wohl eine Zeit mit den Biestern leben müssen. Dabei fällt mir ein, daß es heute zum ersten mal dieses Problem gibt. Die Insekten leben hier, weil es blühende Bergwiesen gibt und nicht wie gestern nur kargen, trockenen Stein. Auf 2000m Höhe gibt es eine Herberge mit einer Wasserstelle. Hier fülle ich den Vorrat nach, denn weiter oben wird es kein Wasser mehr geben. Im weiteren Verlauf führt dann die Straße in einer Reihe von Serpentinen einen grasbewachsenen Abhang hinauf, an dessen Ende eine gespenstisch verlassene Ansammlung von Häusern, wahrscheinlich eine ehemalige Militärunterkunft, steht. Dann geht es weiter in eine Bergflanke aus Geröll hinein, der die Straße dann in weitem Bogen mit mit etwa 7% Steigung folgt. Am Ende dieser gekrümmten Flanke befindet sich, bereits jetzt sichtbar, ein erdfarbener Kegel, der Col de la Bonette. An seinem Abhang führt die Straße, bereits jetzt als dünner Strich erkennbar, schräg hinauf und dann unterhalb der Spitze um ihn herum. Der Weg dorthin führt durch karge Fels- und Geröllandschaft. Er ist mühsam. Der letzte Anstieg zum Kegel hinauf fordert dann nochmals alle Kraft. Er ist extrem steil. Von der Paßhöhe aus läßt sich ausschließlich karge, vegetationslose Schutt- und Geröllandschaft überblicken. Die umliegenden Berge sind kaum höher als der Kegel selbst. Schneefelder sieht man nicht. Die Luft ist heute klar und warm, der Himmel mit einigen Schönwetterwolken bedeckt. Hier oben tummeln sich ausschließlich Rad- und Motorradfahrer. Einen Platz zum Verweilen gibt es kaum. Auf der Stufe des die Paßhöhe markierenden Steins am Straßenrand kaue ich mein zweites Frühstück und gehe nach einer halbstündigen Pause in die Abfahrt. Diese beginnt mit einem langen Bogen auf der anderen Seite des Kamms, den man am Bonette-Kegel umrundet hat, stürzt sich dann in ein Gewirr von Serpentinen und folgt schließlich einem flachen Tal hinunter nach Jausiers, das etwa 1200m hoch liegt. Hier stößt die Straße auf die D900, die der Ubaye hinunter Richtung Gap folgt. Ich aber halte mich rechts, fahre die Ubaye hinauf. Sie ist ein unbändiges Gebirgsflüßchen mit kristallklarem Wasser, in dessen kühler Reinheit sich der sonnendurchflutete Himmel tausendfach spiegelt. Auf der Straße ist es demgegenüber brechend heiß. So zwingend es erscheint, diesen Kontrast zum Ausgleich zu bringen: ich finde keine Stelle, um ins Wasser zu springen und ebenso unbändig, wie die Ubaye das Tal hinabtost, so zieht es mich nach der rasanten Abfahrt vom Col de la Bonette der nächsten Paßauffahrt zu, dem Col de Vars. Dessen Anstieg beginnt nach etwas mehr als 10km bei St.-Paul, einem gemütlichen Gebirgsdorf, wo die Straße das Flußtal nach Nordwesten zu verläßt und sich in einem steilen Seitental mit kurzatmigen Serpentinen zur 2108m hochgelegenen Paßhöhe hinaufhechelt. Diese ist sehr geräumig. Flankiert wird sie von zwei knapp 2800m hohen Gipfeln, deren Abhänge gehörigen Abstand zueinander halten. Ohne Pause gehe ich sofort in die Abfahrt, die einem zunächst flachen und sich nach unten hin immer tiefer in den Berg schneidenden Tal folgt. Hinter Vars, einem Wintersportort geht die Straße kurz unter neuerlichem Anstieg in die rechte Talflanke hinein und folgt dieser unter wiederholtem Auf und Ab bis hinunter nach Guillestre, einer durchaus sehenswerten Kleinstadt mit gut erhaltener historischer Bausubstanz. Der Ort liegt auf 1000m Höhe auf einem Talplateau, das im Norden durch das tief eingeschnittene Bett des Guil von der angrenzenden Bergflanke abgetrennt ist. Der Guil, ein Flüßchen mit sehr starkem Gefälle tritt hier im Nordosten aus einem tief in den Berg geschnittenen Tal hinaus. Diesem folgt die D902, auf die ich nun einbiege. Die Straße ist eng an den steilen Abhang über dem reißenden und an einigen Stellen in Becken aufgestauten Guil gebaut und senkt sich nach einigen Kilometern hinab zum Talgrund. Von hinten weht ein heißer Wind. Die Straße wird dem Guil nun etwa 10km folgen und sich dann am Château Queyras links hinauf in ein Seitental schlagen, in dem die Anfahrt zum Col d`Izoard (2380m) beginnt. Es ist früher Nachmittag und ich bin unschlüssig, wie weit ich heute noch fahren sollte. Die einfachste Variante wäre, am Château Quyeras zu bleiben, wo es unten am Fluß einen Campingplatz gibt. Aber auch der Izoard lockt als krönender Tagesabschluß. Zeit dafür und die Weiterfahrt hinunter nach Briancon hätte ich allemal, nur riskiere ich einen Verschleiß meiner Kräfte und einen Leistungseinbruch in den Folgetagen, wenn ich heute überreiße. Jetzt, wo meine Alpendurchquerung erst am Anfang steht, kann ich mir dies am wenigsten leisten. Die absolute Grenze einer Tagesbelastung hatte ich mir bereits vor längerer Zeit bei 8 Stunden Sattelzeit definiert. Sechseinhalb Stunden waren heute bereits gefahren. Der Izoard würde eine randgenähte Sache werden. Die Entscheidung fällt bei einem kühlen Bad im Fluß. Was lag näher als das, die Badehose trage ich ja bereits seit dem frühen Morgen. Ich setze mich mitten in die kalte, erfrischende Strömung und wasche mich von den Bedenken rein. Neue Kräfte erwachen. Dazu esse ich eine Kleinigkeit, atme durch und gehe in die letzte Runde. In Sichtweite vor dem Château Queyras biege ich also nach links ab, wo die Straße in kurzem Zick-Zack den Eingang zu dem Seitental erklimmt. In dem sich alsbald weitenden Talboden folgt dann über eine kurvenlose, mäßig steigende Strecke von 10 km eine Serie größerer Dörfer, deren letztes, Brunissard, bereits auf einer Höhe von 1800m liegt. Hier beginnt sich die Straße in schwungvollen Serpentinen rechts aus dem Tal hinauszuwinden und erreicht in 2200m Höhe einen Bergsattel, der in ein weites, mit Geröllschutt gefülltes Tal hineinmündet. Dieses Tal zieht sich bis hinauf zur Paßhöhe in 2380m und bleibt wegen seiner bizarren meterhohen Felsfiguren in Erinnerung. Diese hat der seit Jahrtausenden über den Paß fegende Wind in das rötlich-gelbe Gestein geschliffen. Von dem Sattel fällt die Straße zunächst ein Stück in das Gerölltal hinein ab und erklimmt dann an dessen Ende in einer Handvoll Serpentinen den Grad. Der heute in nördliche Richtung über den Kamm pfeifende trocken-heiße Wind übertrifft den das Tal hinaufziehenden thermischen Luftstrom, der mich bis hierher begleitet hat, um ein Vielfaches. Er gibt der Luft eine unnatürliche Klarheit. Die den Paßübergang zu beiden Seiten säumenden Bergflanken mit ihren in der Nachmittagssonne rötlichgelb schimmernden Schutthalden wirken surreal. Die klare Luft läßt auch auf die große Entfernung jeden kleinsten Schatten an den Abhängen erkennen, was zu einer ungewohnt überhöhten Wahrnehmung ihrer Räumlichkeit und dem Anschein führt, als könne man sie mit ausgestrecktem Arm greifen. Ich verweile eine Zeitlang bei der Betrachtung dieses Sinnesschauspiels. Obwohl ich bereits zum vierten Mal hier bin, habe ich es noch nicht in dieser Intensität erlebt. Die Abfahrt nach Briancon dauert etwa 40 min. Die Straße folgt hier einem nach Norden laufenden Tal, in das sie zunächst über einige Serpentinen hinabsteigt, dann aber über lange Passagen kurvenlos verläuft. Der Untergrund ist sehr gut und erlaubt rasante Geschwindigkeit. In Cervièrs, einem größeren Ort auf 1600m Höhe mit einer dominanten, aus Felssteinen gemauerten Kirche, beschreibt das Tal einen scharfen Knick nach Westen. Briancon, mein heutiges Etappenziel, liegt auf 1200m Höhe an einer Stelle, wo sich drei, jeweils von einem Paßübergang hinabführende Täler zu einem Haupttal vereinigen, das in südwestliche Richtung aus den Alpen hinausläuft. Die drei Pässe sind der Col d`Izoard im Südosten, der Col de Montgenévre (1850) im  Nordosten und der Col du Lautaret (2057m) im Nordwesten. Letzterer wird mit dem sich an seiner Nordflanke unmittelbar anschließenden Col du Galibier (2642m) meine Aufgabe für morgen Vormittag. 3 km außerhalb der Stadt befindet sich in einem Berghang in sehr idyllischer Lage ein Campingplatz, den ich nach vorangegangenem Einkauf gegen 18.00 erreiche.
Heute gefahren: 162,38 km in 8:50 h Sattelzeit mit durchschnittlich 18,3 km/h über 4330 hm.

Freitag, 20.07.
Zwei Tage zuvor ist hier die Tour de France durchgekommen. Briancon war Etappenziel. Start war in Val d´Isere, mein heutiges Ziel. Ich fahre heute Tour de France rückwärts. Ich starte um 8.15 und beginne den Anstieg in das langgezogene Tal hinauf zum Col du Lautaret. Es ist bereits jetzt recht mild. Die Sonne erreicht recht schnell den Grund des sehr weiten, sich über etwa 25 km zum Col du Lautaret auf 2038m hinaufziehenden, von Südost nach Nordwest verlaufenden Tals. Die Thermik kommt nur langsam in Bewegung aber die Steigung ist mit kaum mehr als 5% auch ohne Rückenwind bequem zu fahren. Vor mir, am Talende liegt die sonnenbeschienene, aus Felsklippen und Schutthalden bestehende Erhebung, in der sich irgendwo der Col du Galibier befinden muß. An ihrem Fuß macht die Straße einen langgezogenen Bogen nach Westen, wo sie nach der Paßhöhe des Lautaret in sanftem Gefälle Richtung Grenoble hinabführt. Genau auf dem Lautaret beginnt die Rampe hinauf zum Galibier, eine schmalere Straße, die zunächst gerade an die Stirnseite eines kurzen Bergsattels hinanführt und sich dann in zwei schwungvollen Serpentinen auf diesen hinaufschwingt. An seiner Ostflanke führt sie dann weiter in den Berg hinein, dessen steile, durchfurchte  Hänge hier noch mit Gras bewachsen sind. Weiter unten im Hang kann man als kleine Punkte weidende Schafe oder Kühe erkennen, die am Berg zu kleben scheinen. Nach einer haarnadelförmigen Kurve geht es, immer bei ca 7% Steigung, am nächsten Sattel entlang wieder aus dem Berg hinaus und nach dessen Umrundung wieder in ihn hinein. Am Ende des Taleinschnitts schwingt sich dann die Straße in einer langgezogenen Rechtskurve in die Paßflanke hinein, die sie dann in zwei langen filigranen Bögen erklimmt. Auf etwa halber Höhe dieses letzten Abschnitts, auf etwa 2500m, befindet sich die Tunneleinfahrt mittels derer sich Autofahrer den letzten Rest des Anstiegs auf 2660m sparen können. Hier verschärft sich dann die Steigung noch einmal. Seit etwa der halben Strecke vom Lautaret sehe ich, wie sich immer etwa eine Kurve hinter mir jemand müht, an mich heranzukommen. Ich kenne das, weil ich es auch selbst immer dann tue, wenn ich vor mir jemanden fahren sehe, von dem ich glaube, daß ich mich mit ihm anlegen kann. Diese Herausforderung habe ich nun als Verfolgter angenommen bin daher schon seit einiger Zeit mit recht scharfem Tempo dabei. Der Abstand scheint bei einigen hundert Metern zu halten. Der Galibier zeigt sich heute von seiner besten Seite. Oft genug erlebt man ihn kalt und wolkenverhangen. Zum vierten mal bin ich heute hier. Gegenüber der Bergflanke, die zum Galibier hinaufführt, erhebt sich mächtig das knapp 4000m hohe, gletscherbeckte Massif des Écrins, eine Augenweide, bei der man an einem Tag wie heute stundenlang verharren könnte. Zum Glück steht hier bei gutem Wetter an einer der Serpentinen immer ein Fotograf, der die vorbeikeuchenden Radfahrer vor dieser grandiosen Kulisse ablichtet und ihnen dann eine Visitenkarte in die Hand drückt. Man kann sich dann, wieder zu Hause, die Fotos im Kleinformat im Internet anschauen und ggf. kaufen. Mit dieser Aussicht im Hinterkopf kann man es sich dann auch erlauben, diesen König der Tour de France - Pässe in der ihm angemessenen Würde, nämlich ohne jede Sentimentalität für landschaftliche Reize, nämlich im Wettkampf mit anderen zu erklimmen, so wie ich es gerade tue. Meine Aufmerksamkeit gilt also den hinter mir liegenden ca 200 m Straße. Wenn der Verfolger angreift, wird das Tempo verschärft. Dafür habe ich heute trotz des bereits hohen Tempos Reserven. Auf dem letzten Stück des Anstiegs wird es jedoch schwierig. Es ist extrem steil und nicht in jedem Moment geht der Blick nach hinten. So passiert es dann, daß der Verfolger kurz vor dem Paßschild so überraschend an mir vorbeizieht, daß eine Reaktion nicht mehr möglich ist. Er muß auf den letzten halben Kilometer extrem in die Pedalen gegangen sein. Schilder sind für Radfahrer immer ungeschrieben Signalpunkte- im Flachland Ortsschilder, in den Bergen Paßschilder, an denen man sich mit anderen im Sprint mißt. Wer es im Duell mit einem anderen zuerst passiert, darf sich eine Kerbe in den Rahmen schnitzen. Diese geht an den namenlosen langhaarigen Verfolger. Oben habe ich dann Zeit für die Landschaft. Auf der anderen Seite des Passes schlängelt sich die Straße in einigen weitausholenden Serpentinen in ein verlockend weites grünes, gewundenes Tal hinunter. Auf der Paßhöhe gibt es nur einen kleinen staubigen Parkplatz, auf dem sich Hinz und Kunz tummeln, aber einen längeren Augenblick des Verweilens ist der Ort allemal wert. Nach etwa einer Viertelstunde, so gegen 11.00 gehe ich in die Abfahrt. Die Straße ist hier unübersehbar durch die Tour de France gezeichnet. Das Publikum hat im Laufe der Jahre soviele Sprüche auf den Untergrund gemalt, daß dieser kaum noch sichtbar ist. Nach den Serpentinen wird die Abfahrt entlang des Talgrunds rasant schnell, gelegentlich nur gebremst von engeren Kurven, mittels derer die steileren Abschnitte des sich mal sanft, mal rasant nach Valloire auf 1400m hinab senkenden Tals überwunden werden. Immer wieder rumpeln Wohnmobile vor mir her, die sich nur mit gegenwärtiger Gefahr für Leib und Leben überholen lassen und in den Kurven stets die gesamte Straßenbreite beanspruchen. Ich beschimpfe sie aber die greisen Lenker lassen sich davon nicht beeindrucken. Valloire ist ein recht schicker Ferienort, der positiv deshalb auffällt, weil er nicht wie andere Ferienorte in den Bergen durch häßliche Massenunterkünfte und Skiliftanlagen geprägt ist. Heute halte ich hier nur kurz, um Wasser nachzufüllen und nehme dann im übrigen den Schwung aus der Abfahrt gleich mit hinein in den kurzen Anstrieg auf den 1566m hohen Col du Télégraphe. Die Straße führt hier an der Ostflanke des steil ins Arctal hinunterführenden Tals bis auf den Bergsattel hinauf und windet sich dann auf der gegenüberliegenden Seite über unzählige Serpentinen am waldbewachsenen Berghang tief hinab nach St.-Michel-de Maurienne auf etwa 700m. Nach dem hochalpinen Erlebnis der letzten Tage ist man hier wieder in der zivilisierten Welt. Das tief eingeschnittene, hier von Ost nach West laufende Tal der Arc führt neben dem Fluß noch eine Nationalstraße, eine Bahnlinie und eine Autobahn. Folgt man ihm etwa 50 km nach Ost, später Nordost, so erobert man Schritt für Schritt die hochalpine Welt zurück, die dann am 2770 m hohen Col de l`Iseran, dem zweithöchsten Alpenpaß, einen weiteren Höhepunkt bietet. Dieser ist für heute mein zweites Ziel. Ich biege also nach rechts ab und lasse mich durch einen leichten Talwind entlang der Autobahn bei kaum spürbarer Steigung in das ca 20 km talaufwärts gelegene Modane treiben. Autobahn und Bahn knicken hier durch Tunnels nach Süden Richtung Turin ab. Nun ist es nur noch die N6, die sich durch das zusehends steiler werdende Tal in die Berge hineinarbeitet und immer wieder an engen Stellen den Talgrund verlassen muß. Einige Kilometer hinter Modane baut sich ein immer stärker werdender Gegenwind auf. Ist dies bereits Anzeichen für den bevorstehenden Wetterumschwung im Nordteil der französischen Alpen, von dem ich gestern gelesen habe? Diese Befürchtung bereitet mir beinahe größere Sorge als die Aussicht, nun stundenlang gegen den Wind dieses Tal hinaufahren zu müssen. Ich habe zuwenig Erfahrung, als daß ich aus dem Anblick des Himmels auf den Wetterverlauf der nächsten Stunden schließen könnte. Nichts Bedrohliches kann ich erkennen: Sonne und Wolken. Ich bin vorgewarnt. Den Paß muß ich heute noch überqueren und drücke daher aufs Tempo, obwohl es erst früher Nachmittag ist. Ich baue meine Hoffnung auch darauf, daß der talabwärts laufende Wind etwas mit dem Col du Mont Cenis zu tun hat und nichts mit einem Wetterumschwung: Etwa 20 km talaufwärts von Modane mündet in das hier nach Nordost laufende Tal der von Südwest aus dem Piermont hinüberführende Mont-Cenis-Paß ein. Wenn an diesem Paß mit seiner steil nach Süden hin abfallenden Flanke ein starker thermischer Wind steht, dann könnte dieser sich über die Paßhöhe hinüber bis in das Arctal hinein, und zwar talabwärts fortsetzen. Das wäre ein ähnlicher Effekt, wie er im Engadin durch den steil nach Süden hin abfallenden Malojapaß bis hinunter in das 50 km entfernte Zernez spürbar ist. Wenn die Theorie stimmt, wäre das nicht nur Entwarnung was das schlechte Wetter angeht, sondern bedeutete zugleich die Aussicht, ab Lanslebourg, der „Talstation“ des Mont-Cenis, wieder mit Rückenwind zu fahren. Der Gegenwind wird immer stärker, die „Theorie“ schmilzt mit jedem Meter immer mehr dahin. Hoffnung stirbt zuletzt. Auch in Lanslebourg weht der Wind von vorn. Er schert sich um keine Theorie. Weiter kämpfe ich gegen ihn an. Plötzlich, den Ortskern habe ich bereits hinter mir gelassen, hört der Wind auf. Kurz darauf steht er in meinem Rücken. Es gibt Dinge, die glaubt man erst, wenn man sie erlebt hat. Nach Lanslebourg, inzwischen sind bereits wieder 1400m Höhe erreicht, führt die Straße leicht aus dem Tal hinaus und fällt dann zum nächsten Ort hin, nach Lanslevillard, wieder ab. Die Talorte hier sind sehr schön. Sie zeugen von solider, steingewordener Geschichte. In den Ortskernen stehen wuchtige, aus Steinplatten gemauerte Kirchen mit eckigen Türmen. Der Mont Cenis ist ein sehr alter Alpenübergang, das Tal, in dem ich mich gerade bewege, eine über Jahrhunderte gewachsene Verkehrsachse. Heinrich IV soll auf seinem Weg nach Canossa den Mont Cenis überquert haben. Wo immer Canossa liegt und wo immer der König hergekommen sein soll, beim Anblick der Gegend hier scheint das plausibel. Nach Lanslevillard geht die Straße in mehreren geschwungenen Serpentinen an der nördlichen Flanke aus dem Tal hinaus und rollt dann, weiter stromaufwärts führend, sanft wieder in das Tal hinab. Der Talgrund wird hier breiter, nahezu eben und verfällt in eine gleichmäßige Steigung. Nach etwa 5 km passiert man Bessans, ein schmuckes Taldorf mit natursteinbedeckten Häusern. Seine Durchfahrt liegt am Weg, wenn man die Straße hier nach links verläßt und nach dem Ort wieder auf sie stößt. Nach weiteren ca. 7 km durch das bereits nur noch mit magerem Graß und Büschen bewachsene Flußtal erreicht man das 1800m hoch gelegene Bonneval sur Arc, die „Talstation“ des Col de l`Iseran. Am Ortsende macht die Straße eine Spitzkehre nach links. Genau in der Kurve ist eine Quelle, die ich auch heute zum Auffüllen der Trinkflaschen und einer kurzen Pause benutze. Dann geht es in zwei langgezogenen ca 7 %igen Serpentinen die nördliche, steil ansteigende Talflanke hinauf bevor man dann, gut 200 m über dem Ort, in ein Seitental einbiegt, das von einem klaren, reißenden Gebirgsbach durchzogen wird. Die Natur hier oben wirkt sehr frisch. Ein intensives Grün der Wiesen steht im lebendigen Kontrast zu den strahlendweißen Schaumkronen des zu Tal tosenden Wassers. Nach ca. einem Kilometer überquert die Staße den Bach und windet sich dann in drei langgezogenen Serpentinen den anfangs grasbewachsenen, nach oben zu immer gerölliger werdenden Berghang hinauf auf ca. 2500m. In der Steilwand verläuft sie dann ein ganzes Stück, teils durch kurze Tunnels mit geringer Steigung weiter, bevor sie nach rechts in ein weites alpines Hochtal einbiegt. An dessen Ende, nach etwa einem km, macht sie eine Spitzkehre und läuft hinauf zum 2762 m hohen Paßübergang, den ich um 16.30 Uhr erreiche. Dieser ist weiträumig. Die ihn unmittelbar säumenden Erhebungen sind kaum höher als der Paß selbst. Es weht ein starker aber milder Wind. Die Luft ist klar. Die umliegenden schneebedeckten Gebirgsketten scheinen zum Greifen nah. Dicke Wolken türmen sich hoch oben am Himmel aber noch hat die Sonne das Sagen. Ihr Licht ist silbrig gedimmt und wirft schemenhafte Schatten. Auch diese Szenerie wirkt surreal nur kommt heute noch ein Hauch des Bedrohlichen hinzu. Es sind die mächtigen Wolken, die sich noch nicht bis auf die Berggipfel hinabgesenkt haben aber den sich nahenden Wetterumschwung ankündigen. Zu längerem Verweilen habe ich daher auch nicht die Ruhe, obwohl mich von meinem heutigen Etappenziel, dem 1800m hoch gelegenen Wintersportort Val d´Isère, nur noch 17 km Paßabfahrt und damit nicht mehr als 30 min trennen. Die Straße führt zunächst in einem sanft nach Nordost hin abfallenden Taleinschnitt hinab auf den oberen Rand des schroff abfallenden Isère-Tals, an dessen Südhang sie sich dann hinabarbeitet. Einen kurzen Moment verweile ich beim Blick auf die tief unten liegende Stadt, die ich nach rasanter Abfahrt gegen 17.10 erreiche. Unansehliche Bettenburgen prägen das Stadtbild, jedoch ist bei aller Schnelligkeit der Abfahrt das alte Val d´Isère, ein schmuckes Bergdorf nicht zu übersehen, an dem man etwa 2 km vor dem neuen Val d`Isère vorbeirauscht. Der Campingplatz am Ortseingang wirkt recht sympatisch: überschaubar und gepflegt. Der Himmel zieht sich jetzt immer weiter zu. Auch hier unten weht starker Wind. Das erste Mal benutze ich heute die Abspannleinen für das Zelt, weil es nach einem Unwetter aussieht. Wenig später kann ich dann sehen, wie einzelne Schauerzellen durch das Tal gejagt werden aber es ist ein Schauspiel, bei dem ich Zuschauer bleibe. Der Wind rüttelt am Zelt aber für diese Nacht bleibt es trocken.
Heute gefahren: 162,5 km in 7:57 h Sattelzeit mit durchschnittlich 20,4 km/h über 3672 hm.

Samstag, 21.07.
Nebel liegt im Tal. In der Nacht hat es stark abgekühlt und das erste Mal seit Wochen packe ich morgends wieder ein nasses Zelt ein. Um 7.35 Uhr fahre ich los. Es beginnt mit einer Abfahrt tiefer in das Tal der Isère hinab, dessen Verlauf die Staße in der rechten Flanke folgt. Nach einigen Kilometern kommt auf der linken Seite ein Stausee, nach dessen Damm es rasant weiter taleinwärts geht. Insgesamt  25 km und die 1000m-Grenze ist nach unten durchbrochen. Hier führt eine Nebenstraße rechts hinauf Richtung La Rosière. Es ist eine Abkürzung in den Anstieg zum Col du Petit St-Bernard, der eigentlich weiter unten, in Seez, beginnt. Kurz vor La Rosière mündet meine Abkürzung wieder auf die Hauptstraße von Seez, die N90. Vorher jedoch windet sie sich mit mäßiger Steigung durch Wälder und Dörfer wieder hinauf auf 1600m. Die N90, ist dann sehr bequem zu fahren. Zahllose Serpentinen sorgen für Abwechslung und angenehme 5% Steigung. Der Nebel will sich nicht so recht lichten aber immer öfter bricht die Sonne hindurch. Hinter La Rosière biegt die Straße rechts in das zur Paßhöhe hinaufsteigende Seitental ein, das sich, anfangs noch schroff in den Berg geschnitten, nach oben zu weitet und durch das gleichmäßig intensive Grün seiner Wiesen auffällt. Die Sonne schafft nun endgültig den Durchbruch, jedoch bleibt die Luft diesig und kühl. Die Paßhöhe erreiche ich um 9.50 und habe wenig Muße für eine Pause. Irgendwie schmeckt mir nicht, daß hier schon wieder Italien anfängt. Hier oben kommt zunächst ein ewig langgezogenes Stück, bevor sich die Straße in einer Serie einzelner Serpentinenhaufen in ein nach Nordost laufendes Tal hinabsenkt. Schicke Orte säumen den Weg bis hinunter in das nur noch 1000m hoch gelegene Pré-St-Didier, wo ich rechts auf die Hauptstraße nach Aosta abbiege. Noch 30 km sind es bis dort, auf denen die Strecke gleichmäßig weitere 400m abfällt. Es ist ein insgesamt wenig reizvolles, jedoch recht schnell zu bewältigendes Stück. Der Gegenwind ist kaum spürbar. Die Temperatur hat inzwischen deutlich zugelegt. Mit scharfem Tempo erreiche ich gegen 11.30 Aosta, eine schicke, historische Stadt, die ich aber heute zügig passiere. Der Große St-Bernard ist noch zu überqueren und das Wetter setzt mich unter Zeitdruck. Noch sieht es stabil aus, aber in den nächsten zweieinhalb Stunden, die ich für die Paßauffahrt benötigen werde, kann sich viel ändern. In Aosta finde ich mich schon gut zurecht. Am Eingang zur Altstadt befindet sich ein Brunnen, wo ich Wasser tanke. Im unteren Bereich des Großen St.-Bernard sind die Wasserstellen, wie ich weiß, dünn gesät, der kleine Abstecher also kein Verlust. Die Auffahrt beginnt auf 600m und führt zunächst die wenig reizvolle, breit ausgebaute Transitstraße Richtung Schweiz entlang, auf der man bis auf 1500m hinaufsteigt. Hier unten ist es zunächst noch heiß. Der Vorteil der Transitstraße ist ihre gleichmäßige, mit 5% angenehme Steigung, bei der man gut auf Autopilot schalten kann. Der Verkehr hält sich heut in Grenzen und so verläuft dieser Streckenabschnitt recht entspannt. Schnell lasse ich das Umland von Aosta hinter mir und Schritt für Schritt kommt die Bergwelt zurück. Die Straße führt in der westlichen Flanke eines Tals hinauf in die Berge, wobei sie stets den Talgrund weit unter sich läßt. Gelegentlich klettert sie in kleinen Serpentinenkombinationen weiter am Talhang hinauf, um sich dann in flacheren Abschnitten wieder dem Talgrund zu nähern. Zahlreiche recht touristisch aber keineswegs unangenehm wirkende Bergdörfer liegen am Weg. Auf ca. 1300m, in Etroubles, erreicht die Straße den Talgrund, an dessen rechten Rand sie dann die restlichen knapp 4 km bis zum Abzweig der alten Paßstraße auf 1500m Höhe hinaufführt. Die Transitstraße schwingt sich hier in luftiger Höhe über ein Seitental hinweg, an dessen gegenüberliegender, recht flach ansteigender Seite sie nach einer langgezogenen Serpentine weiter ansteigt. Die alte Paßstraße bleibt auf der rechten, sehr viel steileren Talseite, an der sie sich zunächst in zwei Spitzkehren weiter hinaufarbeiten muß und dann nach kurzer Strecke dem Tal folgend in St.-Rhemy, dem letzten Ort vor dem Paß, kurzzeitig wieder auf den Talgrund stößt. Inzwischen ist es merklich kühler geworden. In Serpentinen, die sich mit geraden Stücken entlang des Tals abwechseln, geht es dann zügig weiter bergan. Auf etwa 1700m ist der Talgrund wieder erreicht. In einer langgezogenen Serpentine geht es die linke, hier noch bewaldete Talflanke hinauf und dann etwa 2 km parallel zu der hier auf Stelzen verlaufenden Transitstraße. Diese schwingt sich dann auf 1900m über eine Brücke auf die andere Talseite und verschwindet dort im Berg. Hier beginnt der letzte, der hochalpine Teil der Paßauffahrt. Hoch über dem Talgrund folgt die nun einsame Straße zunächst der eingeschlagenen Linienführung, die nach ca. 2 km in einem steil aufragenden Geröllhang endet. Diesen erklimmt sie dann in ausgetüftelter Streckenführung, die in zum Teil filigranen Serpentinen die Gegebenheiten des Abhangs optimal zu nutzen scheint. Daran sieht man, daß sie aus einer Zeit stammt, in der man sich große Erdbewegungen für den Straßenbau nicht leisten konnte. Die Straße zeichnet die vorgefundenen Linien des Berghangs nach und zieht sich dabei immer weiter auf die rechte Seite des durch ihn unterbrochenen Tals. Hier öffnet sich auf ca halber Höhe ein geräumiges, steil ansteigendes hochalpines Seitental, an dessen Ende der Große St.-Bernard mit 2469m den niedrigsten Teil des zwischen Italien und der Schweiz verlaufenden Gebirszugs markiert, den ich gegen 14.10 Uhr erreiche. Bereits im letzten Teil der Auffahrt hat sich der Himmel langsam zugezogen und ist die Temperatur weiter zurückgegangen. Sie liegt jetzt nur noch bei 8 Grad. Unten in Aosta, vor zweieinhalb Stunden waren es noch über 30. Nebel zieht von Norden her über den Paß. Hier oben befindet sich genau zwischen den Bergflanken ein See, an dessen gegenüberliegender Seite die Straße die letzten Meter hinauf zum Hospitz erklimmt. Napoleon hat sich hier in einer geräumigen Halle ein marmornes Denkmal setzen lassen, das an den Afrikafeldzug erinnern soll. Unvorstellbar, wie eine Armee samt Ausrüstung hier rübergegangen ist, als es noch keine ausgebaute Straße, sondern nur Säumerpfade gab. Ich kenne den Ort bereits von zahlreichen vorherigen Touren und fasse den Aufenthalt daher kurz. Es bleibt bei einem kleinen Imbiß und geht dann sofort in die Abfahrt. Bis hinunter nach Martigny, das im Rhonetal auf nur noch 500m liegt, sind es ca 45 km. Die Nordseite des Passes empfängt mich mit leichtem Sprühregen. Der Abstieg bis zu dem auf ca. 1900m liegenden Tunnelaustritt der Transitstraße folgt einem geröllgefüllten, nach Nordost laufenden Tal, dessen steiler Abstieg gelegentliche Serpentinen erzwingt. Ein reißender Gebirgsbach begleitet den Weg. Der sich verstärkende Sprühregen treibt mich zur Eile. Die Transitstraße, auf die ich nach kurzer Zeit stoße, kommt mir in mehrfacher Hinsicht entgegen: Sie läuft bei einem Gefälle von etwas über 5% in weitgehend gerader Linienführung das Tal Richtung Martigny hinab, im oberen Bereich durch langgezogene Galerien. So komme ich einerseits rasant vorwärts. Ich kenne keine andere Paßabfahrt, auf der sich 1500 Höhenmeter weitgehend ohne Bremsen vernichten lassen. Die Galerien schützen mich vor dem rasch stärker werdenden Regen, vorerst zumindest. Bereits nach ca. 5 km, in Bourg-St.-Pierre, rausche ich aus der warmen Trockenheit in eine Wasserwand hinein, die mich innerhalb von Sekunden durchnäßt. Noch einige kurze Galerieabschnitte folgen und dann ist es nur noch die blanke Geschwindigkeit, mit der ich versuche, das Ende der Regenwand zu erreichen. Die Hoffnung bestätigt sich. Es war nur eine kurze aber intensive Dusche, jedoch dauert es noch einige Kilometer in der sich zusehends abflachenden Abfahrt, bis der Regen völlig aufhört, aber so richtig überzeugend tut er das nicht. In einigen Seitentälern sehe ich ihn noch hängen, während sich in anderen einzelne Sonnenstrahlen den Weg auf die Erde bahnen. Leichter Gegenwind kommt auf. Mit voller Kraft fahre ich gegen ihn an. Das Rhonetal bei Martigny ist einige Kilometer breit und zieht sich als satter Streifen der Zivilisation zwischen den beiden höchsten Bergketten der Alpen von hier noch etwa 80 km mit sehr geringer Steigung nach Osten bis Brig. Auf weiteren 45 km steigt es dann recht zügig an bis in das 1700m hoch, direkt unterhalb des Rhonegletschers gelegene Gletsch. Hier unten bei Martigny ist es durchzogen von Verkehrsachsen, geprägt von Acker- Gewerbe- und Wohnflächen. Es fällt nicht schwer, hier auf Tempo zu schalten, zumal an diesem Nachmittag ein stürmischer Wind das Tal hinaufweht. Auch bei trübem Wetter scheint er also zu funktionieren, der thermische Wind, der wohl in keinem anderen Alpental so intensiv ausgeprägt ist, wie im Vallis. Von ihm lasse ich mich erfassen. Nicht weit hinter mir treibt er gerade eine hochaufragende Regenwand das Tal hinauf. Sie wird mich bald eingeholt haben. Ein Wettrennen macht wenig Sinn und so lasse ich sie überholen, während ich in einem Supermarkt meine Abendeinkäufe erledige. Zunächst auf der heute weitgehend verwaisten Bundesstraße Richtung Sion geht es ab Riddes auf einer gemütlichen Nebenstraße direkt am rechten Ufer der Rhone entlang, weiter rasant vorwärts. Immer wieder fallen kurze Regenschauer. Kurz vor Sion bleibe ich auf einem riesigen, von Holländern bevölkerten Familiencampingplatz, der nicht ganz meinem Geschmack entspricht aber mir keine Wahl läßt. Es ist 17.30, weiterer Regen liegt in der Luft und das 8-Stunden-Zeitlimit ist gerade überschritten.
Heute gefahren: 203,22 km in 8:16 h Sattelzeit mit durchschnittlich 24,5 km/h über 3135 hm.

Sonntag, 22.07.
In der Nacht hat es immer wieder geregnet aber der Morgen empfängt mich freundlich, wenngleich er keinen fulminanten Sommertag verheißt. Mit dem Start lasse ich mir heute Zeit. Ich setze auf eine Fahrt mit Rückenwind, der sich jedoch erst im Laufe des Vormittags einstellen wird. Um 8.50 fahre ich los aber der Wind kommt nur müde in Gang. Ausgedehnte Wolkenfelder quellen im Tal entlang und verdunkeln immer wieder die Sonne. Die Temperatur liegt bei kühlen 20 Grad und auch meine Beine wollen nicht so recht in Fahrt kommen. Ich umfahre Sion und kämpfe mich dann durch die verbleibenden knapp 60 km mäßig reizvoller Landschaft bis hinauf nach Brig, das ich gegen 11.00 Uhr erreiche. Die Stadt liegt knapp 700m hoch. Viel ist heute also noch nicht gewonnen. Hier in Brig wird das Rhonetal enger und beginnt merklich zu steigen. Die noch junge und eiskalte Rhone hat sich bis hierher, auf den ersten 50 km seit ihrem Austritt aus dem Gletscher  zu einem kraftvollen Fluß gemausert, der laut talabwärts rauscht. Die Schnellstraße von Lausanne verläßt hier das Tal Richtung Süden hinauf zum Simplonpaß. Neben der Bundesstraße, die weiter das Tal hinaufführt, verläuft jetzt nur noch die Bahnlinie. Auch das Wetter hat sich inzwischen stabilisiert. Weiße Wolkenflecken liegen hier und dort am Himmel. Zwischen ihnen wird das Sonnenlicht fast unmerklich durch dünnen, hochliegenden Dunst getrübt. Viele Gründe also, den vor mir liegenden Teil der Fahrt mit Entspannung und Genuß anzugehen. Auf den ersten 10 km entlang des linken Flußufers steigt das Tal bereits auf 900m an. Hier beginnen die ersten Serpentinen aus dem spitz eingeschnittenen Talgrund hinaus. Weiter oben öffnet sich das Tal zu einer sanft hügeligen Wiesenlandschaft, die sich als breiter grüner Streifen zwischen den hochaufragenden Bergen zu beiden Seiten in die Ferne zieht. Das Flußbett ist teils canyonartig in ihn eingeschnitten. An anderen Stellen laufen die grasbewachsnen Bergflanken sanft bis zum Fluß hinunter aus. Die Straße hält sich stets hoch über dem Fluß und durchquert dabei unzählige jener urigen Waliser Dörfer. Sie bestehen aus schicken alten hölzernen Bauernhäusern in Blockbauweise, die kunsvoll mit Steinplatten abgedeckt sind. Alte Speicher- und Scheunengebäude mischen sich darunter, von denen man nicht genau sagen kann, ob sie noch in Betrieb sind. Das alte bergbäuerliche Flair hat sich hier trotz des offensichtlich eingezogenen Tourismus authentisch erhalten. Gepflegte, nach Sommer duftende Bergwiesen füllen das weite Tal. In Fiesch klimmt die Straße erneut in einigen Serpentinen aus dem sich verengenden Tal hinaus und passiert dann hoch oben über dem Fluß einen mehrere Kilometer langen engen Talabschnitt, aus dem sie in Niederwald hinaustritt. Hier öffnet sich der letzte sanfthügelige breite Talabschnitt, der sich über knapp 20 km bis nach Oberwald hinauf auf 1400m hinzieht. Irgendwo dazwischen liegt Ulrichen, wo auf etwa 1300m der Anstieg zum Nufenenpaß hinüber ins Tessin beginnt. In Oberwald beginnt der wilde Teil des Rhonetals, die letzten 10 km hinauf zur Abbruchkante des Rhonegletschers, die auf etwa 2200m kurz unterhalb des Furkapasses liegt. Die Bahnlinie verschwindet hier im Furkabasistunnel um auf der anderen Seite in Realp wieder zu Tage zu treten, jedoch führt die alte, seit langem stillgelegte Linie einer Zahnradbahn bis weit hinauf in den Paß hinein, um ihn dann auf ca 2000m in einem Tunnel zu durchstoßen. Die alte Bahnlinie ist das Salz des sich nun anschließenden reizvoll-wilden Talabschnitts, in dem sie sich neben der Straße auf liebevoll gemauerten Viadukten und in süßen kleinen Tunnels als Wunderwerk der Technik einer vergangenen Zeit gegen die Natur behauptet. Die Straße steigt in steilen Serpentinen, über Brücken und entlang schroffer Felshänge in das auf 1700m hoch gelegene Gletsch. Wie eine endlose Treppe wirken von hier die in die nördliche steile Talflanke hineingemeiselten Serpentinen hinauf zum Grimselpaß. Vor mir liegt bereits die Barriere, an der das Rhonetal endet und in die die Serpentinen zum Furkapaß hineingebaut sind. Von links schiebt sich der Rhonegletscher in das Tal hinein, wo er in luftiger Höhe auf einer glattgehobelten Felswand abbricht. Sieht man sich alte Bilder von dieser Stelle an, dort endet der Gletscher viele hundert Meter tiefer am Boden das Tals. In Gletsch schwingt sich die Straße in einer langgezogenen Serpentine in die südliche Talflanke hinein, in der sie dann mit ca. 7% Steigung in die Barriere am Talende hineinverläuft. An dieser klettert sie dann in einer Serie steiler Serpentinen bis zur Gletscherkante hinauf. Hier befindet sich ein gutbesuchtes Gasthaus mit dem Namen Bellevedere. Seine Attraktion ist der Rhonegletscher, in dessen Eis man ein begehbares Höhlensystem hineingemeiselt hat. Mein Blick schweift zurück hinunter auf die junge Rhone und hinüber zur Himmelsleiter der Grimselpaßstraße. Hinter dem Gasthaus zieht sich die Straße noch über knapp 2 km entlang des Abhanges hinauf zum 2431m hohen Furkapaß, den ich gegen 15:15 erreiche. Mich empfängt eine kühl-distanzierte aber sonnige Hochgebirgslandschaft. Die Paßhöhe wirkt verwaist. Busse mit Butterfahrern halten meißt kurz auf dem geräumigen Schotterplatz, wahrscheinlich wegen des Blicks zu dem stets wolkenverhüllten Finsteraarhorn, der sich erhaben in einiger Entfernung rechts über dem Rhonetal erhebt. Der Furkapaß markiert eine der großen Wasserscheiden der Alpen. Jenseits liegt der Einzugsbereich der Reuß, die zum Flußsystem des Rhein gehört. Willkommen in der nördlichen Hemisphäre! Die letzte Verbindung zum Mittelmeer breche ich hier ab. Die Abfahrt beginnt in einer langgezogenen Linie hochoben in der nördlichen Flanke des Reußtals. Eine filigrane Serie enger Serpentinen hinab zum Talgrund läßt mehrere Kilometer auf sich warten. Bis dorthin ist die Straße zwar recht kurvenarm aber auch sehr schmal. Sie erfordert höchste Konzentration und vor allem Beherrschung. Sonntagsfahrer, Wohnmobile und Butterbusse rumpeln hier in unerschöpflicher Abfolge hinab und fordern immer wieder riskante Überholmanöver heraus. Schnell sieht man ihre Sinnlosigkeit ein, weil die Freude ungebremster Abfahrt jeweils nur kurz währt. Dennoch ist der Abstieg in das auf 1500m im Talgrund liegende Realp schnell geschafft. Mit nur noch leichtem Gefälle und Gegenwind geht es dann in das ca 8 km entfernte Andermatt. Kurz zuvor zweigt rechts die alte Gotthardstraße hinüber ins Tessin ab. Andermatt ist ein sehr pittoreskes Städchen, dem man seine Lage an dem Knotenpunkt des Alpentransitverkehrs nicht ansieht. Gotthardautobahn und Eisenbahn, die vom Vierwaldstätter See das Reußtal hinauflaufen verschwinden weit unterhalb der Stadt im Tunnel, den sie erst auf der Alpensüdseite wieder verlassen. Gegen 16.15 Uhr holpere ich durch die enge Altstadt und halte Ausschau nach einem Bäcker. Es ist Sonntag und da muß man um diese Zeit nehmen, was man bekommt. Am Ortsausgang kann ich noch ein paar Milchbrötchen abfassen, die ich zum Teil gleich essen muß, weil ich sie nicht mehr verstauen kann. Aber irgendwie weckt das Zeug auch die richtigen Reserven für den nun folgenden Oberalbpaß, der eigentlich nicht so recht der Erwähnung wert ist, weil er mit seinen 2044m gerade einmal 600m höher als Andermatt liegt. Direkt hinter dem Ortsausgang beginnt in östlicher Richtung eine Serie langgezogener Serpentinen, die ich –durch die Milchbrötchen fühlbar gestärkt- bereits mit mäßigem Tempo angehe. Umso unverständlicher, daß mich nun noch jemand überholt. Meinem ersten Eindruck nach fährt er bereits ziemlich am Limit. Ich entscheide mich für Revanche. Die Steigung beträgt hier etwa 7% und ich fühle mich stark genug, den durch mein Gepäck gegebenen Nachteil zu kompensieren. Während ich meinen Gegner zunächst fahren lasse, verschärfe ich langsam das Tempo bis auf ca. 15 km/h. Unter diesen Umständen ist das für meine Verhältnisse bereits sehr viel aber ich finde hier einen Rhythmus, in dem ich das Tempo bequem halten kann, also nach oben hin immer noch Reserven habe. So arbeite ich mich an meinen Gegner, der wohl inzwischen etwa 50m vor mir fährt, langsam heran, warte aber den Angriff noch ab, solange ich nicht weiß, wie stabil mein Leistungszustand ist. Irgendwann gebe ich mir den Ruck und ziehe vorbei. Mein Tempo hat sich inzwischen weiter verschärft, ohne daß ich es bewußt gesteuert hätte –es sind inzwischen 17 km/h- und ich beginne zu zweifeln, wie lange ich das halten kann. Normalerweise fahre ich bei 7% Steigung 10 km/h. Mein Gegner hängt sich sofort hinten an, aber ich weiß, daß dies ein Fehler ist. Er hat sich von mir einen Rhythmuswechsel aufzwingen lassen und daran wird er zusammenbrechen. Mehr noch: er überholt mich wieder aber ich lasse ihn getrost ziehen, weil ich weiß, daß man in dieser Steigung nicht auf Dauer dieses Tempo hält, wenn man nicht solide trainiert ist. Er erarbeitet sich also erneut einen Vorsprung von etwa 50m. Trotz des scharfen Tempos habe ich noch Reserven nach oben und deshalb werde ich dieses Rennen, das nun noch etwa 4 km bis zur Paßhöhe dauern wird, gewinnen. Die Serpentinen haben wir inzwischen hinter uns gelassen und die Straße zieht sich im linken Abhang eines zum Paß hinauflaufenden Tals in gerader Linie weiter bergan. Langsam läßt die Steigung nach und ohne bewußtes Zutun werde ich schneller. Ich schalte und schalte, lege schließlich das große Kettenblatt auf, obwohl es noch immer bergan geht. Kurz unterhalb der Paßhöhe, auf ca. 2000m befindet sich rechts der Straße, die hier in eine langgezogne Galerie einmündet, ein See. Inzwischen habe ich 30 km/h erreicht und ziehe an meinem Gegner vorbei, der keine weiteren Versuche zu unternehmen scheint, an mir dranzubleiben. Am Ende der Galerie beginnt noch einmal ein knapper Anstieg hinauf zum Paß. Um 16.55 stehe ich am Paßschild - 40 min für die 600 hm von Andermatt können sich sehen lassen. Die Paßpause halte ich knapp. Nach einer Handvoll recht spitzer Serpentinen ist das obere Ende des sich östlich an den Oberalppaß anschließenden Vorderrheintals schnell erreicht, dem sie dann auf der linken Flußseite recht kurvenarm weiter in östliche Richtung folgt. Enge und weite, kaskadenartig abfallende und flache Talabschnitte wechseln einander ab, jedoch hält sich die Straße stets dicht am Talgund. Die umliegenden Berge erreichen kaum mehr 2500m. Ihre Gipfel sind baumlos, teils felsig und die verflogene hochalpine Schroffheit setzt sich fort in der gemäßigten Geometrie, mit der das Vorderrheintal insgesamt begegnet. In einem weiten, wiesenbedeckten Talabschnitt läuft die Straße durch das etwa 1400m hoch gelegene Sedrun, von dessen historischem Ortskern allerdings wenig zu erkennen ist. Anders das eine Kaskade tiefer, auf ca. 1100m gelegene Disentis/Mustér, das mit einer pittoresken Altstadt und einer wuchtigen barocken Klosteranlage aufwartet. Nach Süden zweigt hier der Lukmanierpaß ab. Es ist wohl diese Verkehrsachse, die in der Vergangenheit für den bescheidenen Wohlstand gesorgt hat, der sich an den gewachsenen Ortskernen der weiter flußabwärts gelegenen Siedlungen ablesen läßt. Eine von ihnen ist das ca. 10 km weiter auf ca. 850m gelegene Trun, ein urig anmutendes Bergbauerndorf mit immerhin 3 Kirchen, das ich gegen 17.50 Uhr erreiche und als Übernachtungsort nutze.
Heute gefahren: 186,46 km in 7:47 h Sattelzeit mit durchschnittlich 23,9 km/h über 2837 hm.

Montag, 23.07.
Der Tag beginnt kühl, der Himmel ist heiter und ich starte um 7.55 Uhr mit der weiteren Abfahrt. Bis Ilanz sind es ca. 20 km. Hier beginnt ein sehr enger Talabschnitt, der die Straße hoch aus dem Tal hinauszwingt. Ich nehme die alte Verbindungsstraße Richtung Chur, die an der rechten Talseite entlangführt und sich dort wieder bis auf etwa 950m Höhe hinaufzieht. Die Straße ist schmal und wenig befahren. Sie führt durch Bergwiesen und urig anmutende Bergdörfer. Nach etwa 15 km mündet sie in einen schluchtartigen Talabschnitt, an dessen felsig-bizarren Rand sie sich hochoben über dem Fluß ein ganzes Stück dahinzieht. Weiter geht es nach Bonaduz und Reichenau, wo Vorder- und Hinterrhein zusammenfließen, der eine graubraun, der andere funkelnd-blau. Hier beginnt dann auch wieder die Zivilisation, wie ich sie seit Brig, seit dem Eindringen in das obere Vallis mit seiner idyllischen Bergwelt vor genau einem Tag verlassen hatte. Hier bekomme ich wieder eine Schnellstraße zu Gesicht und das nur noch wenige km voraus liegende Chur ist nicht nur Kantonshauptstadt von Graubünden, sondern auch Industriestadt. Diese durchquere ich auf der parallel zur St.-Bernardino-Autobahn verlaufenden Staatsstraße, der ich dann weiter bis Landquart folge, wo ein letzter hochalpiner Abschnitt dieser Reise beginnt. Um 11.00 nehme ich die Straße Richtung Davos / Flüelapaß in Angriff. Inzwischen ist es sommerlich warm, der Himmel föhnig heiter. Heute wird es wohl noch trocken bleiben, aber wie lange noch? Die ersten 15 km verläuft die Straße als Schnellstraße in dem noch recht geräumigen Talgrund. Als Radfahrer benutzt man teils die in einzelnen Passagen belassene alte Verbindungsstraße nach Davos, teils parallel laufende befestigte Wirtschaftswege. Extrem eng eingeschnittene aber auch weite Talabschnitte wechseln sich ab. Man durchquert die nicht unansehliche Kleinstadt Schiers. Hinter Jenaz beginnt dann wieder ein schluchtartiger Abschnitt. Hier endet die ausgebaute Schnellstraße und man schlängelt sich nun mit dem übrigen Verkehr weiter das Tal hinauf. Hinter Küblis klettert die Straße mit mäßigem Anstieg den linken Talrand hinauf bis nach Saas und verläuft dann in respektvoller Höhe über dem Talgrund bis zum 6 km entfernten Klosters. Das ansehliche Städtchen liegt ca. 1200m hoch in einem sehr weiten Talabschnitt. Schwerlast-und Transitverkehr verschwinden hier im Flüela-Basistunnel, der erst in Susch wieder zum Vorschein kommt. Weiter geht es mit alpinem Steigungsniveau durch dichten Nadelwald hinauf nach Wolfgang, einem kleinen Zwischenpaß, von dem man sich dann hinunter zum Davoser See auf knapp 1600m rollen lassen kann. Inzwischen ist es nur noch mäßig warm. Über den Bergkämmen tobt ein Fönsturm aus südlicher Richtung, der mir auch hier unten das Fahren noch schwer macht. Der Himmel ist mit fischförmig ausgefransten Wolkenfeldern versehen und im übrigen von blassem blau. Der Anstieg zum Flüelapaß zieht sich von Davos in gerader Linie ein V-förmig eingekerbtes Tal hinauf, das recht schnell hochalpinen Charakter annimmt. Nur vor der Paßhöhe gibt es noch einige Serpentinen in der bizarren Geröllandschaft. Hier bekomme ich den Sturm voll zu spüren. Teilweise weht er direkt von vorn. Er fordert alle Kraft. Die Paßhöhe erreiche ich gegen 15.00. Heute erlebe ich sie das zweite Mal bei klarer Sicht, das erste mal war vor zwei Wochen beim Radmarathon. Sonst war es hier oben immer regnerisch und wolkenverhangen, so daß selbst das gegenüberliegende Ufer des kleinen Paßsees nicht zu sehen war. Die Pause hier oben bleibt kurz. Bis Susch sind es reichlich 10 km bei rasanter Abfahrt, die in gerader Linie einem schroff geschnittenen Tal folgt und recht wenige Serpentinen aufweist. Im Inntal steht der lauwarme Fönsturm talabwärts und ich lasse mich mitreißen hinein in eine Gegend, in der ich erst einmal vor längerer Zeit war. Das Engadin wirkt hier verlassen mit nur kleinen Orten, die recht weit auseinander liegen. Stellenweise scheint die Zeit stehengeblieben zu sein. Einziger größerer Ort ist Scuol, der, wie man an der victorianischen Architektur erkennt, seine Existenz im wesentlichen der Belle Epoque verdankt, als man sich für die hier zu Tage tretende eisenhaltige Heilquelle interessierte. Der Ortskern liegt an der rechten Flußseite, während die Straße am linken Ufer hochoben über dem dahinbrausenden Inn entlangläuft. Ein wildromantischer Talabschnitt schließt sich an. Die Grenzstation Richtung Österreich in Martina wirkt wie ein Außenposten der Zivilisation und weiter geht es durch dunkle Wälder, in denen Trolle zu Hause zu sein scheinen und das menschenleere, tief geschnittene Tal hinauf zum 1188m hoch gelegenen Finstermünzpaß. Hier beginnt Österreich. Noch einige km und ich stoße, weiter mit dem Sturm talabwärts fahrend, auf die Verbindungsstraße von Landeck zum Reschenpaß. Es ist eine stark befahrene Schnellstraße, die Romantik ist vorbei. Schnell erreiche ich Pfunds, einen liebevoll museal gestalteten Ferienort, wo aber die Bürgersteige bereits halb hoch geklappt sind. Zum Glück haben die Geschäfte noch geöffnet. Von hier läuft dann parallel zur Schnellstraße die alte Verbindungsstraße Richtung Landeck, die sich recht schön fahren läßt und die allesamt gepflegten Ortschaften entlang des Weges durchquert. Prutz erreiche ich um 18.30 Uhr. Hier bleibe ich auf einem jener uncharmanten Familiencampingplätze der direkt am Inn liegt, von diesem aber durch einen Maschendrahtzaun getrennt ist. Bald darauf beginnt es zu regnen.
Heute gefahren: 209,34 km in 8:46 h Sattelzeit mit durchschnittlich 23,8 km/h über 2798 hm.

Dienstag, 24.07.
Das Wetter ist in der Nacht zu unbeständigem Schauerwetter gekippt aber die Hoffnung auf die dazwischen liegenden trockenen Abschnitte aber auch der Wille, die Berge heute endgültig zu verlassen, lassen mich um 7.50 Uhr im Nieselregen starten. Ich habe mich für den direkten Weg Richtung Imst entschieden und dies bedeutet, den weiten Bogen, den der Inn hier über Landeck schlägt, durch den direkten Weg in nordöstliche Richtung über die Berge abzuschneiden. Prutz liegt auf knapp 900m Höhe. Ich halte mich Richtung Faggen. Der Anstieg beginnt steil. In Kauns halte ich mich links Richtung Pillerhöhe und erreiche mühsam die auf knapp 1600m gelagene Abrißkante hoch über dem Inntal, der die Straße hier einige Kilometer folgt. Der Regen hat inzwischen aufgehört. Von Zeit zu Zeit zeigt sich die Sonne aber es bleibt kühl. Der Weg ist von steinigen Wiesen und dichten Wäldern gesäumt. Ab Piller geht es steil bergein. In Wenns stoße ich auf die das Pilztal hinunter nach Arzl im Inntal führende Hauptstraße und fahre weiter in das gegenüberliegende Seitental nach Imst. Hier beginnt das Hahntennjoch mit ebenso solider Steigung, mein letzter Paß in diesem Jahr. Ewig zieht es sich hin. Innerlich habe ich mit den Bergen bereits abgeschlossen und umso quälender wird jede Minute und jeder der von Imst bis zur Paßhöhe zu überwindenden 1000 m Höhe. Über den Bergen brauen sich dunkle Wolken zusammen und grummeln mich böse an. Blitz, Donner und Regen lassen nicht lang auf sich warten. Bei Gewitter soll man hier nicht langfahren, ist auf Straßenschildern zu lesen – Murengefahr. Bald säumen endlose, kahle Schuttabhänge die linke Straßenseite. Bei starkem Niederschlag rutschen Geröllavinen ab. Die Spuren kann man überall sehen. Zeitweise regnet es dichter, dann schaut mal wieder kurz die Sonne hervor. Um 12.15 erreiche ich die 1894m hohe Paßhöhe, als es gerade wieder anfängt, leicht zu regnen. Keine Zeit für eine Pause. Meine Abfahrt führt genau in die nächste Regenwand hinein und dieser Regen ist stark und langanhaltend. Auch die Abfahrt wird zur Ewigkeit. Anhalten kommt nicht mehr in Frage, denn ich bin bereits bis auf die Knochen naß. Ich fahre so schnell ich kann, denn ich hoffe auf ein Ende des Regens. Immer wieder geht es durch Tunnels. Hier ist es schön trocken und warm, aber zum Aufwärmen sind sie zu kurz. Gnadenlos wartet am Ausgang die nächste kalte Wasserwand. Nach einer Ewigkeit erreiche ich die Hauptstraße, die mich unten im Lechtal weiter Richtung Reutte bringt. Der Regen hört langsam auf. Mit Rückenwind rase ich der deutschen Grenze entgegen. Schnellfahren ist das Rezept, um hier schnell wegzukommen, um warm zu bleiben und um trocken zu werden. Mit der Zeit geht es auf aber immer wieder kommen Regenschauer harangezogen, denen ich versuche, zu entkommen, indem ich noch schneller fahre. Reutte ist schnell durchquert und bei Füssen erreiche ich nicht nur wieder Deutschland, sondern verlasse auch die hier abrupt endenden Alpen. Weiter geht es auf der B16, entlang des Foggersees, weiter nach Norden. Die Straße ist recht eben, der Wind steht im Rücken und schnell rücken die Berge hinter mir in die Ferne. Immer wieder schaue ich mich um. Dicke Schauerwolken wüten dort. Sie ziehen an der Gebirgsfront entlang, quellen aus den Tälern heraus und tummeln sich auch auf der nun immer größer werdenden Ebene zwischen mir und den Bergen. Die Berge kotzen sie mir hinterher aber sie erreichen mich nicht mehr. Der Lech ist nun mein Begleiter nach Norden. Ich werde ihm bis zur Donau folgen. Am Ende des Foggersees wird es wieder hügelig. Ich verlasse die B16 rechts Richtung Lechbruck und schlage mich dann durch das hügelige, teils bewaldete Allgäu mit seinen wohlhabenden Bauerndörfern. Nach Bernbeuren und Bruggen erreiche ich alsbald Schongau, das ich dann ein Stück auf der B 17 Richtung Landsberg verlasse. Bald schlage ich mich nach rechts Richtung Reichling, um auf der parallelen Nebenstraße auf der anderen Flußseite weiter nach Landsberg zu fahren. Einige bissige Anstiege halten mich nochmals auf. Südwestlich von mir sehe ich immer wieder Schauerzellen dahinziehen. Die Berge sind bereits außer Sichtweite. Der Himmel vor und über mir ist mit einem dünnen Wolkenschleier bedeckt, der diffuses Sonnenlicht hindurchläßt und mäßige, trockene Wärme abstrahlt. Nach wie vor weht ein starker Wind aus südwestlicher Richtung. Über Reichling, Vilgertshofen und Pitzling erreiche ich schließlich über eine Hochebene den Stadtrand von Landsberg. Links liegt scheinbar mitten im Feld ein Campingplatz. Dort endet die Etappe um 17.30.
Heute gefahren: 184,44 km in 7:57 h Sattelzeit mit durchschnittlich 23,1 km/h über 2537 hm.

Mittwoch, 25.07.
Der Tag beginnt freundlich. Der Spuk ist vorbei. Für die nächsten Tage wird warmes Sommerwetter verhießen. Meine Tour wird also im Sommer ausklingen - keine Flucht mehr vor Regenwolken. Um 9.15 fahre ich los. Hinter Landsberg folgt ein weiter, ebener Talabschnitt, den ich auf der rechten Seite des Lech auf durchgängig und zügig zu befahrenden Nebenstraßen passiere. Weil, Scheuring, Prittriching, Mering und Kissing säumen als größere Orte neben den weiterhin typischen Allgäuer Bauerndörfern den Weg. Unaufhaltsam bewege ich mich auf Augsburg zu – einen solchen städtischen Großraum ohne Umwege und Zeitverlust zu durchqueren ohne dem Sog der Schnellstraßen zu erliegen, auf die man stets gerät, wenn man nicht in jeder Sekunde gegensteuert, ist eine wahre Herausforderung, die sich nur durch intensives Kartenstudium möglichst am Abend vorher und im übrigen durch höchste Konzentration bei der Ortsdurchfahrt meistern läßt. Entscheidend ist nämlich, die richtigen Nebenstraßen zu finden, die in der Regel entweder gar nicht oder nicht so beschildert sind, wie man es denkt. Ich durchquere Friedberg, einen östlichen Vorort und finde nach einigen Irrungen die weiter nach Norden Richtung Bergen, Mühlhausen und Rehling führende Landstraße. Hier geht es dann in einem kleinen, parallel zum Lech verlaufenden Nebenflußtal in die letzte Etappe Richtung Donau. Die Landschaft hier ist platt und ich komme schnell vorwärts. Um 12.00 überfahre ich auf einer kleinen Brücke bei Marxheim die Donau. Sie plätschert hier unscheinbar klein dahin. Auf der anderen Seite erwartet mich eine völlig andere Kulturlandschaft. Es ist jetzt hügelig. Wälder und Wiesen wechseln sich mit Feldern ab. In den Dörfern fehlen die großen bäuerlichen Wirtschaftsgebäude, wie man sie vom Allgäu her kennt. Hier stehen gedrungene Steinhäuser. Wuchtig und eckig wirken die Dorfkirchen. Schlanke Türme mit barocken Hauben wie noch kurz zuvor auf der anderen Flußseite sieht man hier nicht mehr. Ich habe soeben eine Grenze überschritten, die auf keiner Landkarte eingezeichnet ist. Dort ist nur ein Fluß. Die folgenden Stunden geht es durch abwechslungsreiche, teils bewaldete Hügellandschaft. Ich durchquere Monheim, halte mich dort nördlich, fahre ein kurzes Stück auf der B2 und halte mich dann links Richtung Rehau. Hier folge ich einem kleinen mit bewaldeten Hügeln gesäumten Flußtal, dessen Dörfer allesamt Schmuckstücke sind, bis Treuchtlingen und folge von hier weiter der Altmühl in nordwestliche Richtung. Bald wechsle ich hinüber zum Nordufer und fahre weiter über Bubenheim, Trommetsheim, Alesheim und Gundelsheim. In Pfofeld, am Rande eines sich von West nach Ost ziehenden Höhenzuges überschreite ich den inzwischen nicht mehr sichtbaren Limes, die zweite Grenze des heutigen Tages. Ich habe nun das römische Reich verlassen und betrete Germanien. Willkommen zu Hause! Eine zeitlang beschäftigt mich die Frage, warum die Römer ihre Grenzbefestigung ausgerechnet hier und nicht 50 km südlicher an der Donau als natürlicher Grenze errichtet haben, die wohl viel leichter zu kontrollieren gewesen sein muß, aber mir ist keine vernünftige Antwort eingefallen. Kurz darauf komme ich an die dritte Grenze des heutigen Tages. Sie ist am Straßenrand mittels eines Wasserbrunnens markiert: die Wasserscheide zwischen Donau und Main. Ich nutze den Ort für eine Trinkpause und merke dabei, wie ausgedörrt ich bin. Mein Körper saugt endlose Mengen an Wasser auf wie ein Schwamm. Weiter geht es zunächst in westliche Richtung nach Gunzenhausen, wo ich mich auf der B466 rechts halte. Nach wenigen km geht es links raus entlang einer kleinen Straße Richtung Haundorf. Hier halte ich mich wieder nach Norden und nehme eine kleine Nebenstraße über Oberhöhberg und Mitteleschenbach hinunter nach Windsbach. Die Landschaft ist hier wellig und abwechslungsreich, die Orte, die ich durchquere, schön anzusehen. Nach einigem Irren finde ich den weiteren Weg über Moosbach und Bertholdsdorf nach Veithsaurach, wo ich mich links auf eine kleine Nebenstraße Richtung Rohr schlage. Inzwischen habe ich den Großraum Nürnberg erreicht aber von der nahen Großstadt ist hier nichts zu spüren. Ich habe den Abstand gerade richtig gewählt, um einerseits dem Sog der Einfallstraßen zu entgehen und andererseits einen nicht allzu großen Bogen fahren zu müssen. Das Geflecht der Nebenstraßen erlaubt hier einen durchgängigen Kurs nach Nord. In Roßtal, einem sehr schönen kleinen Städchen muß ich einige Runden um die Kirche drehen, bis ich den weiteren Weg Richtung Ammerndorf, eine kleine, aus dem Ort hinaussteigende Straße, finde. Langsam wird es Abend. Ein Campingplatz ist hier in der Gegend nicht verzeichnet und schon seit längerer Zei halte ich Ausschau nach einem geeigneten Waldstück. Die Gegend ist mit ihren Hügeln, Wiesen und Wäldern zum Übernachten recht einladend. Hinter Ammerndorf gehe ich dann schließlich in einen Waldstreifen hinein und suche mir ein ebenes Plätzchen. Es ist 19.00 Uhr.
Heute gefahren: 210,48 km in 7:53 h Sattelzeit mit durchschnittlich 26,6 km/h über 1336 hm.

Donnerstag, 26.07.
Schlußetappe. Die Bedingungen sind gut. Um 8.05 verlasse ich den dunklen Wald und fahre hinaus in die Morgensonne. Mit Kurs Nord geht es durch Carolsburg, Seukendorf und Veitsbronn vorbei an Herzogenaurach nach Höchstadt an der Aisch. Jede Nebenstraße hat hier einen Radweg. Benutzt man ihn, so kommt man nicht vorwärts, hat bei kreuzenden Nebenstraßen keine Vorfahrt und findet sich in den Ortseinfahrten, die hier allenthalben schön bergein führen, oft unversehends auf dem Fußweg wieder. Benutzt man den Radweg  nicht, wird man dumm angemacht. Manche Leute verbringen den Tag damit, Polizei zu spielen, weil sie dort wahrscheinlich nicht genommen wurden. Die Laune ist leicht getrübt. Weiter geht es über Pommersfelden, Frensdorf und Pettstadt ins Tal der Regnitz, die mich nach Bamberg begleitet. Die Stadt ist ein Kleinod. Man kann hier wohl gut leben. Von Süden her nähere ich mich ihr durch einen endlos langen Park, der sich zwischen Regnitz und Main-Donau-Kanal ausbreitet. Ich passiere den Rand des alten Stadtkerns, halte mich Richtung Bahnhof und finde prompt die richtige Ausfallstraße Richtung Memmelsdorf, zunächst eine vierspurige Stadtautobahn, die jedoch alsbald zur bequem an einem kleinen Flüßchen entlanglaufenden Landstraße wird, deren einziger Makel der Radweg ist. In Scheßlitz halte ich mich links Richtung Ebensfeld. Es geht hier durch hügelige Sommerlandschaft. Auch hier sind die Dörfer sehr schön. In Schweisdorf treffe ich unerwartet aber willkommen auf einen Brunnen. Außerhalb der Alpen, wo man allenthalben auf Quellen stößt, sind solche Orte erwähnenswert. Ab Ebensfeld folge ich dem Main. Bad Staffelstein umfahre ich und wechsle hier zum Nordufer. Hochoben über dem Fluß erhebt sich das Kloster Banz mit seinen beiden schlanken Barocktürmen. Durch die nördlich des Flusses gelegene Hügellandschaft folge ich seinem Lauf weiter Richtung Nordost, passiere Lichtenfels und gehe in Michelau wieder auf Nordkurs. Es geht durch Sonnefeld, Bieberbach, Ober-, Mittel- und Unterwasungen Richtung Sonneberg. Abrupt wechselt der Charakter der Dörfer. Dort wo früher die Zonengrenze war, beginnen die typischen Schieferdörfer, wie sie sich durch Thüringer Wald und Schiefergebirge zum Teil bis vor die Haustür Jenas ziehen. Jetzt trennt mich nur noch der Höhenzug des Thüringer Waldes von zu Hause. Bereits vor Stunden hat sich ein strammer Südwind aufgebaut, der das Tempo beschleunigt. Nun lege ich noch einen Zahn zu. Hinter Sonneberg führt ein romantisches Tal hinauf Richtung Neuhaus am Rennweg. Parallel zur Straße läuft eine alte Eisenbahnlinie. Reste von Wassermühlen säumen den Weg. Langsam steigt die Straße an. In Blechhammer biege ich nach rechts und folge einem kleinen Flußtal durch Wiesen, Wälder und langgezogene Schieferdörfer hinauf nach Spechtsbrunn. Hier überschreite ich den ca. 800m hohen Kamm und nehme in gewohntem Tempo die in zwei langgezogenen Serpentinen verlaufende Abfahrt hinunter nach Gräfenthal und folge dann der Hauptstraße nach Probstzella. Längst habe ich den Aktionsbereich einer Tagestour von zu Hause erreicht, kenne die Gegend. In Probstzella gehe ich auf die B85, die in Schlängellinien einem kleinen Flüßchen nach Norden folgt. In diese Richtung steht auch der Wind. Mit knapp 40 km/h jage ich die Piste entlang. Ich kann spüren, wie ich dabei austrockne. In Kaulsdorf erreiche ich die Saale und biege hier rechts ab Richtung Hohenwarte. Ein letzter langezogener Anstieg erwartet mich, der in Goßwitz endet. Hinab geht es nach Könitz und weiter auf der B 281 nach Pößneck. Die letzten Kilometer. In Pößneck biege ich direkt nach rechts in die Altstadt, um mir den Bogen zu ersparen, den man sonst um die ganze Stadt herum fahren muß, um auf die Orlatalstraße zu gelangen. Ich jage durch die Fußgängerzone und über Kopfsteinpflaster und biege am Ende der Stadt direkt nach links. Hier gelange ich auf den Weg, den ich gekommen bin. Im Orlatal kommt der Wind eher von der Seite, es geht nicht mehr ganz so schnell. Bei Orlamünde geht es direkt auf die B88. Der Wind steht hier wieder gut und trägt mich über die Zielgerade nach Jena. Um 17.45 stehe ich wieder vor der Haustür in der Liebknechtstraße, die ich vor 27 Tagen, 1 Stunde und 45 min verlassen habe.
Heute gefahren: 246,96 km in 8:24 h Sattelzeit mit durchschnittlich 29,3 km/h über 1680 hm.

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